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Dagmar Reichardt: Was wäre, wenn?

Quelle: Wiktionary
Quelle: Wiktionary

Als Kinder sind meine Schwester und ich, wenn wir bei unseren Großeltern an der Schweizer Grenze waren, oft zum Spielen auf den Heuboden vom Opa geklettert. Dort haben wir uns Burgen gebaut und uns dann ganz ruhig auf den Rücken ins Heu gelegt. Dort haben wir uns gegenseitig Fantasiegeschichten erzählt.  „Was wäre eigentlich, wenn …?“, so fingen viele dieser Geschichten an. Jetzt, da wir uns hier ein bisschen Corona-müde fühlen und nicht mehr an eine Fortsetzung des Blogs mit diesem Thema glauben, fiel mir diese Situation wieder ein...

 

Was wäre denn, wenn es Corona gar nicht gegeben hätte? Der erste Lockdown hat uns in einer umwälzenden Zeit erwischt. Bei uns „auf Arbeit“ ging es schon sanft auf eine Veränderung der Arbeitsprozesse in Folge der Digitalisierung zu. Recht gemächlich natürlich, das musste ja gut abgewogen, diskutiert und budgetiert werden. Dass wir aus den Büroetagen innerhalb einer Woche zu 100% im Home Office arbeiten würden - wer hätte das je für möglich gehalten?

 

Wer hätte geglaubt, dass wir landesweit Schulen schließen? Sicher nicht die Verantwortlichen, und befürchtet hätten es die Lehrer sicher auch nur in ihren schlimmsten Albträumen. Dass wir Kinder über Monate mit dem Lernpensum mehr oder weniger alleine lassen? Den Eltern die Verantwortung übergeben, wie Bildung in diesem Land „verabreicht“ wird? Dass der Kontakt zum Lehrer oft gar nicht und wenn, dann per Videokonferenz stattfand? Mit Kindern, die möglicherweise gar keinen Zugang zu diesen Medien hatten? Wo war dieses reiche Land, als uns das passierte? Das hatten wir nicht für möglich gehalten, oder?! Und die Mütter unter uns hätten nicht geglaubt, das wir das auch noch hinbekommen neben vollem Home Office-Job, Haushalt, Partnerin und Mutter. Wenn von mir jemand eine Auszeichnung in dieser Ausnahmesituation verdient hätte, dann würde ich bei den Müttern anfangen!

 

Wer kannte übrigens bis dahin Zoom, Teams, Big blue button und wie diese Video-Meetingräume alle heißen? Stattdessen hätten wir Geburtstage, Klassenfeiern, Firmenfeste und Weihnachten - o ja Weihnachten! - wir hätten all diese Feste live gefeiert. Wir hätten uns ohne AHA-Regeln umarmt, gekuschelt und nah beieinandergesessen. Ohne Angst einer Ansteckung oder die Frage: „sag mal, hast Du Dich testen lassen?“

 

Nie vorher hatten wir uns Gedanken gemacht, wer der Hersteller der Impfdosis war, wenn wir zur Auffrischung der Tetanus-Impfung zum Arzt gegangen sind. Heute sind wir „Experten“, was das Impfen angeht. Wir kennen uns besser aus mit mRNA als mit Gesellschaftsspielen.

Was wäre eigentlich, wenn wir in den vergangenen zwei Jahren ebenso viel Urlaub gemacht hätten und alles so weiter gegangen wäre wie bisher? Der ewig gleiche Trott? Wo waren wir eigentlich noch nicht? Die Fahrt auf den Mond ist ja inzwischen auch schon möglich – der Wahnsinn des menschlichen Wünsch-Dir-was ist grenzenlos und: erreichbar.

 

Was wäre, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die gegen Corona-Regeln und staatliche Bevormundung auf die Straße gegangen wären? Wäre „Querdenken“ dann ein positiv besetzter Begriff geblieben, der diejenigen versammelt, die für uns Altes und Eingefahrenes überdenken und Impulse für Erneuerungen setzten? Wären dann vielleicht alle zusammen gegen den Klimawandel auf die Straße gegangen? Gemeinsam gegen Erderwärmung und die trägen Entscheidungen der Regierungen weltweit? Wir hätten viel mehr Kraft für eine Richtung auf die Straße gebracht.

 

Gerade bei diesem Phänomen denke ich an ein junges Amselchen. Mit den weiß-gelben Rändern am Schnäbelchen, das wie schmollend nach oben zeigt, sitzt es aufgeplustert da und kann noch nicht fliegen. Als würde es sagen wollen: „Ich mag aber nicht“. Regelbefolgung mögen auch pubertäre Jugendliche nicht. Die sitzen dann auch mit so einem Blick da. Noch nicht richtig flügge, aber schon ausgestattet mit einer eigenen Meinung; einer, die auf jeden Fall nicht die der Erwachsenen ist.  

 

Waren wir noch nicht reif für eine Krise wie diese? Ich wünsche mir, dass die Pause, die wir im Shutdown Blog einlegen, von der allgemeinen Corona-Müdigkeit herrührt. Wir wollen diese ungeliebte Krise endlich abstreifen wie ein Hemd, das uns nicht behagt. Wenn wir nach dem Sommer dieses Hemd aber wieder anziehen müssen, möchte ich die Ärmel hochkrempeln und mich der Situation erneut stellen. Tapfer, mutig und entschlossen, sie zu meistern. Macht Ihr mit? Bestimmt gibt es dann wieder Themen für uns, über die wir schreiben können. Und was wäre, wenn die vierte Welle nicht kommt? Dann können wir frei und erleichtert schreiben, was uns Spaß macht in diesem neu gewonnenen Leben ohne viele Einschränkungen. Ohne Wenn und Aber.

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