Susann Barczikowski: Impfstraße vier

Ein Rückblick


Sonntag, 1. August. Das Wetter ist ziemlich gut und die Wetterau leuchtet. Ich bin unterwegs nach Büdingen. Erst zum Stadtbummel mit Einkehr, dann ins Impfzentrum. Denn heute habe ich einen Termin für die erste Impfung. Mir ist mulmig zumute und meine Gedanken schweifen ab. Soll ich oder soll ich nicht?

In meinem Bekannten- und Freundeskreis sind längst alle geimpft. Komplett zweimal mit Aussicht auf die dritte Immunisierung im Herbst. In den vergangenen Wochen und Tagen hatten wir endlose Diskussionen  geführt über das Für und Wider, über Impfschäden und Impfvorteile, über die aktuelle Politik und über die ständig variierenden Schlagzeilen zum Thema.

Auf dem letzten Wegstück zum Impfzentrum denke ich nochmal über all das nach. Das Autoradio vermeldet steigende Infektionszahlen in Tokio und dass die deutschen Olympioniken auf Madaillenkurs sind. Sportliche Wettkämpfe sind mir eigentlich egal. Aber Tennis als olympische Disziplin finde ich spannend.

Kurze Zeit später stehe ich an der Anmeldung und fülle das Impf-Formular aus. Was, wenn es mir nach dem Piks schlecht geht? Noch könnte ich kneifen und einfach gehen.  
Ich bleibe und sitze schließlich in Impfstraße vier, vor mir warten zwei junge Typen. Dann bin ich dran. „Frau Barczikowski?“, ruft jemand freundlich und stellt sich als Dr. … vor. Schlank, groß, blond. Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Ich meine, ihn schon mehrfach gesehen zu haben. Unter seiner OP-Maske mache ich einen lichten Bart aus. Die Haare sind leicht gewellt und etwas verschwitzt. „Der ist höchstens 24“, denke ich und bin fast empört. Ob der überhaupt Erfahrung im Impfen hat? Er geht dann doch routiniert den Fragebogen durch und fragt nach meiner Versichertenkarte, die ich ihm gebe. „Sie sind ziemlich spät dran. Impfprio drei ist längst mit allem durch…“.

Meine Gedanken sind plötzlich bei Bill Gates und der WHO, bei den Impfgegnern und den Zweifachgeimpften, die in Israel, den USA und Großbritannien wieder infiziert in den Krankenhäusern liegen. Ich bin kurz davor, doch noch vom Stuhl aufzuspringen, frage aber stattdessen, ob heute viel los war im einzigen Impfzentrum der Wetterau. „130 hier in Straße vier!“, sagt der Impfarzt. „Das war schon sportlich.“ Und: „Machen Sie mal den linken Arm frei.“   

Es gibt kein Zurück mehr. Mein Hirn ist wie vernebelt. Mechanisch schiebe ich den Ärmel hoch. Der Geruch von Desinfektionsmittel steigt mir in die Nase. Mir wird fast übel. Die Spritze wird aufgezogen. Dann geht alles Schlag auf Schlag. Ich spüre den Einstich. Mir schwinden die Sinne, der Blutdruck sinkt. Ich nehme meine Umgebung, die weißen Wände, die Plastikstühle und den Schreibtisch nur noch in groben Umrissen wahr. Durch den Raum wabert ein zäher, weißer Nebel. Der Raum löst sich auf und die Geräuschkulisse wird eine andere. Ich höre frenetischen Applaus und freudiges Juchhu. Irgendjemand in der Impfstraße vier brüllt „Geschafft“ und Alexander Zverev strahlt mich an. Ich kneife die Augen zusammen und blinzele. Tatsächlich, das ist er, der weltbeste Tennisspieler. Die Goldmedaille baumelt locker um seinen Hals, und ich bin geimpft. Das kann doch kein Zufall sein!

 

Foto: privat

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Kommentare: 2
  • #1

    Martin (Freitag, 06 August 2021 08:44)

    Herzlichen Glückwunsch! Wirst sehen, mit dem Chip hat man auch viele Vorteile, niemand geht verloren und bald liest Amazon Dir jeden Wunsch direkt von den Schläfenlappen ab und bereitet die Bestellung schon vor ... super bequem! �

  • #2

    Dagmar (Sonntag, 08 August 2021 12:28)

    Von mir bekommste auch die Goldmedaille. Dein Mut - das war Höchstleistung! :-)