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Martin Heß: Alles gut!

        :: Versuch einer Satire als paradoxe Intervention ::    

 

        Als Psychologe muss ich in diesen Zeiten davon abraten, sich mit der Realität zu befassen: Reality sucks! Am besten geht es doch denen, die gar nichts wissen. Und da wir alle nicht wissen, was wir nicht wissen, wissen wir auch gar nicht, wie gut es uns eigentlich geht. 

 

        Katastrophen machen Stress. Stress ist nicht gut. Ich rate Ihnen deshalb: Aktivieren Sie Ihr psychisches Immunsystem! Wer die Welt verbessern will, muss bei sich selbst anfangen. Nutzen Sie die kreativen Kräfte Ihres Geistes und gestalten Sie ihr Bild vom Universum - und Ihrer Rolle darin - ganz nach Ihren eigenen Vorstellungen. Wenn Ängste, Sorgen und Befürchtungen auftauchen: Setzen Sie Ihre psychischen Abwehrmechanismen dagegen! Es ist gar nicht so schwer, wie Sie vielleicht denken. Dank Anna Freud wissen wir in der Psychologie bereits seit hundert Jahren, welche Möglichkeiten es da gibt und dass jeder Mensch sie nutzen kann und auch mehr oder weniger bereits nutzt. Aber Sie können natürlich immer noch etwas mehr daraus machen, ein bisschen mehr für sich heraus holen und sich noch ein bisschen besser vor all den unliebsamen Gemütszuständen schützen. Hier eine Aufstellung der nützlichsten Psycho-Abwehr-Tricks mit Tipps zur Anwendung für Sie in der Klimakatastrophe. Sie haben die Wahl:

 

1. Verdrängung

       Der Klassiker. Wenn Gedanken an die Folgen der Erderwärmung z.B. für Sie selbst und die nachfolgenden Generationen auftauchen, schieben Sie sie einfach zur Seite. Gar nicht damit befassen. Die gedanklichen Pflänzchen ausreißen, bevor sie weiter wachsen. Mit der Zeit werden die beängstigenden Vorstellungen meist immer seltener und irgendwann vermutlich gar nicht mehr auftauchen, vorausgesetzt, Sie setzen sich keinen neuen Nachrichten aus der Welt da draußen aus. Problem gelöst. Sollten Sie einen inneren Impuls verspüren, auf der Basis solcher Gedanken etwas zu tun, irgendetwas zu tun, politisch, praktisch, in Ihrer Lebensführung oder wie auch immer, dann ignorieren Sie den und falls das nicht mehr möglich ist – es gibt einen gewissen Anteil dieser chronifizierten Fälle – gehen Sie aktiv dagegen vor und machen Sie sich klar, dass Sie eh nichts bewirken können und nur Ihre Kräfte verschwenden. Es ist wie bei Wahlen. Ihre Stimme macht in Wahrheit überhaupt keinen Unterschied. Es lohnt einfach nicht, weiter darüber nachzudenken. Und wer heutzutage noch Zeitung liest, dem ist eh nicht mehr zu helfen.

 

2. Reaktionsbildung

        Wenn Ängste auftauchen, versuchen Sie doch einmal, umgehend wütend zu werden! Mit der Zeit wird das zum Automatismus, einem psychischen Reflex, der Sie zuverlässig bei der Konfrontation mit unpassenden Informationen vor Verunsicherung schützt. Machen Sie sich klar: Wut und Angst sind emotionale Geschwister. Beide mitunter brauchbare Reaktionen auf Bedrohungen aller Art. Das eine kann dabei vom anderen befreien. Da wo das eine ist, könnte auch das andere sein. Suchen Sie also einen oder eine Gruppe von Schuldigen, möglichst solche, die sich nicht wehren und die auch nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Formulieren Sie Ihre Anschuldigungen möglichst allgemein und geben Sie sich dabei bitte nicht mit Argumenten und Beweisen und ähnlichen juristischen Spitzfindigkeiten ab. Nutzen Sie Denkgewohnheiten. Greifen Sie am besten auf bewährte Sündenböcke zurück, denn wo der Wut und dem Hass schon einmal der Weg gebahnt wurde, lassen sie sich leicht wieder entzünden. Suchen Sie die Gemeinschaft mit anderen Wutentbrannten. In der Gruppe hasst es sich stets am besten.

 

3. Regression

        Greifen Sie auf bewährte Strategien Ihrer Jugend zurück. Entfesseln Sie das innere Kind! Erinnern Sie sich: Wie viele schöne Siege haben Sie damals durch Hartnäckigkeit und schieren Trotz errungen? Und wenn die Fakten hundertmal etwas anderes sagen: Beharren Sie auf Ihrer Meinung. Stehvermögen, Unbeugsamkeit und Treue sind gefragt und werden sich am Ende durchsetzen. Denken Sie einfach positiv und die Dinge werden positiv werden. Wer die richtigen Gedanken denkt und die richtigen Gefühle fühlt, dem liegt die Welt zu Füßen. Deshalb: Gönnen Sie sich was! Es gibt in Wahrheit doch keine Sorge, die man nicht in ein Gläschen Wein schütten könnte und kaum ein emotionales Problem, das sich nicht mit einer Tüte Chips und einer Tafel Schokolade lösen ließe. Die Bonobos, unsere nächsten Artverwandten, lösen all ihre emotionalen Schwierigkeiten in der Gruppe mit Sex. Nur mal so.

 

4. Verleugnung

        Machen Sie sich klar: „Klimakatastrophe“ – allein das Wort schon eine Lüge. Als ob es nicht schon immer Naturkatastrophen und schwere Wetter gegeben hätte. Überzeugen Sie sich und andere davon, dass es keine Klima- sondern eine Kommunikationsproblematik ist, an der wir leiden. Dass es jetzt immer wärmer wird auf diesem Globus, ist völlig natürlichen Prozessen zuzuschreiben. Es wird auch wieder kälter werden. Der Mensch hat keinen Einfluss darauf. Wir haben es nicht verursacht und wir können auch nichts dagegen machen. Und wenn man gar nichts machen kann, dann soll man auch nichts machen, sonst ebnet man nur der Enttäuschung und Ermüdung den Weg. Warum also sich mit etwas befassen, das es gar nicht gibt? Formulieren Sie Ihre alternative Weltsicht aggressiv auf möglichst vielen Foren und Plattformen. Das erleichtert. Und: Je mehr Menschen daran glauben, um so eher ist es wahr. 

 

5. Vermeidung

        Denken Sie nicht daran und sprechen Sie nicht darüber, lesen Sie nichts dazu und schauen Sie keine Videos. Wenn man nicht hinschaut, existiert der Mond gar nicht, sagen die ZEN-Buddhisten und vielleicht sogar die Quantenphysik. Vor allem wissenschaftliche Beiträge müssen Sie meiden, lenken die doch den Blick genau auf das, was ja eigentlich angstauslösend ist und vermieden werden sollte. Und ebenso irritieren sie das gesunde Selbstempfinden des Menschen durch angebliche Fakten. Hier hilft nur die vorbeugende Vermeidung einer Konfrontation des bewährten Glaubens – und den wird man ja wohl noch haben dürfen! – mit den Erkenntnissen so genannter „Experten“. Das eigene Bauchgefühl ist schließlich noch immer der beste Richtungsgeber und zwei Grad wärmer fühlt sich doch für unsere Breiten gar nicht so übel an, oder? 

 

6. Verschiebung

        Machen Sie sich klar und reden Sie sich ein: Nicht die globale Erwärmung ist unser Hauptproblem, sondern der Umweltschutz. It´s the economy, stupid! Schutz der Wirtschaft hat immer Priorität und das mit gutem Grund. Ohne Moos nix los, auch kein Klimaschutz, und da gibt es ja noch so viel anderes zu tun. Das Klima ist ein Teilproblem. All die anderen Probleme mit Emissionen aber auch der Artenschutz und dann die soziale Ungleichheit … Versuchen Sie das Thema einfach mal in einen anderen Zusammenhang zu stellen. Ist es in Wahrheit nicht eher das Ende des Kapitalismus, was wir hier sehen, oder das Ergebnis einer Verschwörung hinterhältiger Bankiers vielleicht unter dem Einfluss reptilienartiger Aliens, die mit der Erde in telepathischem Kontakt stehen? Seien Sie kreativ. Die Gedanken sind frei. Und bald erkennen Sie die eigentlichen Probleme. Doch die hat wieder einmal außer Ihnen praktisch noch niemand erkannt. Stimmt´s? Alles Geisterfahrer, die Ihnen da entgegenkommen. Halten Sie sich rechts. 

 

7. Spaltung

        Lösen Sie einfach das Problem in seine Bestandteile auf. So sehen Sie die Sache differenzierter als der Mainstream: Es gibt gar nicht die Klimakatstrophe, sondern eine Vielzahl von einzelnen kleinen Wetter-Katastrophen, die jeweils einer ganz individuellen Ursache entspringen. Nicht die Treibhausgase verursachen den Anstieg der globalen Temperatur, sondern eine Vielzahl von Faktoren, Schwankungen der Sonnenaktivität eingeschlossen. Außerdem wird mehr berichtet. Fiel in China früher ein Sack Reis um, hat man es noch nicht einmal erfahren. Heute wird ein blutrot eingefärbtes Erdbebengebiet in den Tagesthemen daraus und die Experten fürchten größere Nachbeben.

 

8. Verneinung

        Ein alter Trick der wirksamen Selbstbeeinflussung sind Merkzettel. Schreiben Sie den Glaubenssatz, den Sie verneinen wollen, einfach auf Post-its und bringen Sie diese überall in Ihrer Wohnung an. Stellen Sie sich vor den Spiegel, schauen Sie sich in die Augen und machen Sie sich klar: Es gibt keinen menschengemachten Klimawandel und schon gar keine Klimakatastrophe. Der Mainstream ist manipuliert, das Volk einer Lüge aufgesessen. Tausende von Klimaforschern weltweit sind in Wahrheit überhaupt nicht in der Lage, die Dinge so vollständig zu verstehen, wie interessierte, ehrenamtlich Forschende, die sich ein fundiertes Weltbild in mehreren Internetrecherchen erworben - und dieses durch Dialoge mit anderen Privatgelehrten mehrfach bestätigt haben. Die internationale wissenschaftliche Klimaforschung besteht aus einem Haufen von zweitausend korrupten Dummköpfen, die eine verschworene Gemeinschaft bilden um der Menschheit das Geld aus der Tasche zu ziehen und immer mehr forschen zu dürfen, denn man kann  ewig forschen, ohne dass es zu irgendwelchen Erkenntnissen kommt. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Das war schon immer so und wird auch immer so sein.

 

9. Projektion

        Versuchen Sie, die Dinge auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Das beseitigt die Angst. Im Universum hängt alles mit allem zusammen. Jeder Wunsch erzeugt sein Gegenteil. Nicht durch mehr Verbrechen gehen Kriminalitätsstatistiken nach oben, sondern durch mehr Verhaftungen. Nicht die Krankheit ist das Problem, sondern die Medizin. Nicht Viren machen die Menschen krank, sondern Impfungen. An Schutzmaßnahmen sterben mehr Menschen als an Viren. Eigentlich ist die verängstigte Masse das Problem. Die Masse will sich nicht informieren, da sie von den Systemmedien in Lügengeschichten eingesponnen ist und Angst vor der Wahrheit hat, die Sie aber kennen: Es soll eine Klima-Diktatur eingerichtet werden, die den Menschen ihre Freiheit nimmt. Die Corona-Diktatur konnte schließlich von Menschen wie Ihnen und Ihren aufklärenden Aktivitäten im Netz, gerade noch einmal abgewendet werden. 

 

10. Introjektion & Identifikation

        Machen wir uns nichts vor: Der Mensch an sich ist das Problem. Wir sind der Krebs der Erde und eigentlich an allem schuld, was schiefläuft. Wenn Schuldgefühle und Reue Sie plagen, bedenken Sie, dass es immer mehrere Wege gibt, eine Schuld wieder los zu werden. Einer ist das Verzeihen. Das wird hier wohl flach fallen.  Doch selbst wenn dereinst einige von uns die Enkel um Verzeihung bitten werden für die Plünderung und Verheerung der Welt, für den Mord an Gaia, der lebendigen Biosphäre, bezweifle ich sehr, dass die bereit wären, uns zu vergeben. Eine weitere Möglichkeit, Schuld zu tilgen, ist die Strafe. Wer seine Strafe verbüßt hat, ist reingewaschen und braucht sich nicht mehr schuldig zu fühlen. Deshalb: Nehmen Sie die Strafe an! Akzeptieren Sie das Verderben, dann gehen Sie freudig hinein. Am besten wäre es, die Menschheit stürbe aus und der Erdball wäre dann ein einziges Naturschutzgebiet. Dann wäre das Universum ein besserer Ort. Die Klimakatastrophe ist unsere gerechte Strafe, für Raubbau und Nestbeschmutzung auf dem höchsten, vorstellbaren Niveau. Wir haben die Strafe verdient. Dreißig Jahre Bescheid gewusst und nichts getan. Es wäre möglich gewesen. Jetzt müssen wir die Konsequenzen trage. Es geschieht uns recht. Lassen Sie uns in Würde abtreten.

 

11. Intellektualisierung

        Mit ein wenig Nachdenken können Sie sich die ganze Sache auch rational wegerklären: Dystopien, Endzeiterzählungen, apokalyptische Weltbilder hat es doch zu allen Zeiten gegeben. Das wird heute nur verstärkt wahrgenommen wegen der riesigen Echokammern im Netz. Die Menschheit wird sich schon retten. Ganz einfach, weil sie es muss. Geht ja gar nicht anders. Es wird vermutlich kostspielig werden und eine gewisse Einbuße an Lebensqualität mit sich bringen, aber nicht bei uns, nicht in den westlichen Industrienationen. Und schon gar nicht bei Ihnen persönlich. Durch technischen Fortschritt sind noch immer Lösungen gefunden worden. Sicher wird es da die eine oder andere Flut, den einen oder anderen Sturm und noch so manche Trockenheit geben, aber mit unserer Innovationskraft und unserem Kapital sind wir dem gewachsen. Die Schäden, die entstünden, würden wir uns als erste freiwillig einschränken, sind viel größer als die Schäden durch Klimaveränderungen. Und ändern können wir mit unserem geringen Beitrag weltweit eh nichts. 

 

12. Autoaggression

        Leider wissen Sie und ich: Sterben müssen wir alle mal. Dann geht das Ding halt den Bach runter. Was soll’s? Ob auf diesem 6000 Trillionen Tonnen schweren Gesteinsbrocken, der einen gelben Zwerg von Sonne in diesem sinnlosen, leeren All umkreist, nun irgendwelche sich selbst organisierende Materie mit dem selbst verliehenen, anmaßenden Namen „Homo Sapiens“ herumkriecht oder sich durch versehentliches Verheizen ihrer lebenserhaltenden Biosphäre gerade von dessen Oberfläche tilgt, macht im Großen und Ganzen gesehen überhaupt keinen Unterschied. Im Gegenteil. Menschliche Existenz ist untrennbar mit Leid verbunden. Dem können Sie nicht entkommen. Es sei denn, Sie würden gar nicht erst geboren. Wie viel Leid würde doch durch unser Aussterben verhindert ...

 

13. Sublimierung

        Mein persönlicher Favorit. Stellen Sie sich vor, wie der Sound am Rand der Bühne, wie flüssiger Stahl durch ein Düsentriebwerk geschossen, aus meinen vier Marshall-Türmen bläst - right in Your face, bro! - aber vorher jage ich ihn aus meiner Gitarre heraus erstmal durch drei Effektgeräte und mit übermäßiger distortion schließlich in die pre-amps. Wie mit einer glühenden Kreissäge peitsche ich das feedback in die Köpfe der crowd. Alter, wie die abgehen! Ich glaub', ich hab' ein Starkstromkabel in der Wirbelsäule! Null Kontrolle! Infernalischer Lärm. Die Finger gehen von allein. Bin geblendet, sehe nur Lichter, Schweiß rinnt mir in die Augen und die Halle bebt und rumpelt in ihren Fundamenten als rasselten zweihundert Panzer durch. Während wir die Hölle besingen, Feuer, Schwefel und Vernichtung beschwören, wenn die Magnesium-Bomben explodieren, wenn wir uns exaltieren, im Stroboskop-Gewitter spucken, kreischen, Zeter und Mordio shouten, wenn wir die Form verlieren und uns wie durchgeknallt gerieren, dann ist so ein zünftiger Weltuntergang die bessere Story, Leute. Die Apokalypse gibt einfach mehr her als das Paradies. Is‘ klar, ne?

Martin Heß

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Susann (Mittwoch, 28 Juli 2021 10:42)

    It's allright, man ...strawberry fields for ever!