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Antje Lilienthal: Warnsignale

  

Die Pandemie ist noch nicht vorbei - und schon wird sich eine zweite Katastrophe in unser kollektives Gedächtnis eingraben. Die Starkregenereignisse in der vergangenen Woche haben hierzulande ganze Regionen verwüstet. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verloren dabei mindestens 170 Menschen ihr Leben; viele ihre Häuser und einige auch ihre wirtschaftliche Existenz. Ihre Wohnorte sind verwüstet und werden wohl nie wieder das sein, was sie bisher waren. Ungewiss ist sogar, ob sie nach diesem Jahrhunderthochwasser überhaupt noch eine Zukunft haben.

 

Wie schon das Corona-Virus traf das Unglück die Menschen unvorbereitet. Wie dieses ist es in seinen verheerenden Ausmaßen eine Folge des bedenkenlosen Umgangs des Menschen mit der Natur. Darin sind sich die Wissenschaftler weitgehend einig. Anders als bei den weltweit zunehmenden Dürreperioden ist der Zusammenhang zwischen Hochwasservorkommnissen und Klimawandel zwar nicht ganz so eindeutig. Aber nachgewiesen ist, dass wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnimmt, die sich dann als Starkregen über das Land ergießt und Flüsse anschwellen lässt. Klar ist auch, dass die Wassermassen immer weniger versickern können, weil immer mehr Boden versiegelt wird. Es fließt viel mehr Wasser in die Kanalisation als diese fassen kann. Gerade Nordrhein-Westfalen belegt einen der Spitzenplätze bei bebautem Land. Die jetzige Regierung unter Armin Laschet kassierte das Ziel ihrer rot-grünen Vorgängerin, die Nutzung unbebauter Flächen stetig reduzieren zu wollen. Zudem blockiert die nordrhein-westfälische CDU seit vielen Jahren eine umfassende Energie- und Verkehrswende.

  

Man darf gespannt sein, wie sich die Unwetterkatastrophe auf den Wahlkampf auswirken wird, wenn sich die unmittelbare Notlage in den betroffenen Gebieten etwas beruhigt hat. Ob etwa Armin Laschet das Thema Umweltschutz weiterhin mit hohlen Phrasen weglächeln kann. Sein Satz, "nur weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik", wird ihm wohl noch lange in den Ohren hallen (WDR, Aktuelle Stunde vom 16.7.). Auch die Grünen tun sich keinen Gefallen, wenn sie den CDU-Kanzlerkandidaten persönlich für Tote bei Umweltkatastrophen verantwortlich machen. Vielversprechender scheint mir der Ansatz von Greenpeace: Die Umweltorganisation will vor der Bundestagswahl eine Klima-Dialogtour durch 50 bundesdeutsche Städte starten. Dabei soll generationenübergreifend über Maßnahmen gegen die Erderhitzung diskutiert werden.

  

Bisher ist mir der Wahlkampf angesichts der drängenden Fragen, die uns beschäftigen, viel zu inhaltsleer. Kaum ein Wort dazu, wie die Parteien auf eine 4. Pandemiewelle reagieren wollen. Der Impfstoff alleine wird es nicht richten – dort, wo es Impfstoff gibt, wollen sich viele nicht impfen lassen und weltweit steht er nicht ausreichend zur Verfügung. Ebenso unbeliebt: konkrete Aussagen dazu, was eine klimaschutzorientierte Umgestaltung der Wirtschaft kostet und wer die Kosten tragen soll. Und was das wiederum für unsere Arbeitsplätze, unseren Konsum und unser Portemonnaie heißt. Mir fehlen Antworten darauf, wie die aufgehäuften Schuldenberge abgebaut und die Inflation im Zaum gehalten werden soll. Im historischen Wahlkampf 1972 hat die Ostpolitik Willy Brandts die Menschen so mobilisiert, dass sie auf den Straßen in Trauben zusammenstanden und diskutierten. Das Ergebnis ist bekannt. Ein bisschen davon würde ich mir auch für 2021 wünschen: Mündige Bürger, die sich angesprochen durch die Parteien mit den Fragen auseinandersetzen, die uns alle bedrängen.

 

Foto: Christina Ponto

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