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Dagmar Reichardt: Gemeinschaftssinn

Es summt um mich herum. Unzählige Bienen fliegen zielgerichtet mit dicken Pollenpaketen an den Hinterbeinen in den Bienenstock zurück. Es ist ein inzwischen fast vertrautes Summen, von dem ich am Anfang gar nicht wusste, ob ich es je angstfrei ertragen könnte, so viele Bienen um mich zu erleben.

Corona hat nicht nur Schlechtes mit sich gebracht. Mir hat es die Zeit, das Imkern zu lernen, beschert.

 

Mit Imkern hat das allerdings bisher wenig zu tun, es geht eher um eine wesensgemäße Bienenhaltung. Die Bienen tun uns praktisch nichts. Sie sind voll und ganz auf ihre Aufgabe konzentriert, die sie für das Gesamtgefüge ihrer Bienen-Gemeinschaft übernommen haben. Es fasziniert mich, die Bienen zu beobachten. Alles hängt miteinander zusammen, jede Biene ordnet sich der Existenz des Volkes unter und kennt ihre Aufgabe. Während ich das Bienengefüge über die Sommermonate kennenlerne, muss ich immer wieder über unser „Gefüge“ als Gemeinschaft nachdenken. Sie wird durch die aktuellen Herausforderungen stark durcheinandergewirbelt. Muss sie sich neu definieren?

 

Wir sind in einer Welt groß geworden, wurden dazu erzogen, eigene Entscheidungen zu treffen, selbst zu denken, selbst zu entscheiden. Fähigkeiten zu erwerben, um unser Leben selbst zu steuern. Die Wahl zu haben, uns für oder gegen etwas zu entscheiden, ist uns enorm wichtig und Teil unserer Selbstentfaltung. Die Vorstellung, dass unsere Rolle im Gesamtorganismus vordefiniert wäre, würde uns die Kehle zuschnüren. Mir jedenfalls. Dennoch bewundere ich dieses große Ganze, dieses summende, vibrierende, duftende Bienenvolk, das wie ein Uhrwerk funktioniert. Sie leben für das eine Ziel, das Überleben ihres Volkes zu garantieren. Ich bewundere es und gleichzeitig weiß ich, dass ich selbst den Schalter nicht einfach umlegen könnte und plötzlich vom Individualisten zum untergeordneten Rädchen werden könnte.

 

Unsere menschliche Gemeinschaft, in der sich jede/r individuell entfalten kann, hat bisher gut funktioniert. Davon sind wir größtenteils überzeugt. Für eine Impfung, die viele von uns schon von ihrer Wirkung her infrage stellen, wollen viele Menschen ihre Entscheidungsfreiheit nicht aufgeben. Nicht für oder gegen die Gemeinschaft entscheiden sie sich. Sie entscheiden das für sich selbst. Weil die Überzeugungskraft, was das Richtige sein soll, nicht stark genug war. Weil die Option, dafür oder dagegen zu sein, nicht eindeutig zu beantworten ist. Und was passiert? Die Gemeinschaft integriert nicht, die hält diesen Diskurs schwerlich aus. Ob ein Nichtimpfen gleich eine Verweigerung ist, hält diese Gemeinschaft aktuell kaum aus. Die andere Seite verurteilt. Gemeinschaftlich.

 

Wie gut die Gemeinschaft diese Dissonanz aushalten oder moderieren kann, beobachte ich sicher nicht allein. Jede/r von uns könnte seinen Teil dazu beitragen, dass wir das gut hinbekommen. Wie in einem Bienenstock funktioniert Gemeinschaft durch jeden einzelnen. So, wie wir gelernt haben, individuelle Entscheidungen zu treffen, haben wir auch das Zusammenstehen gelernt. Ob im Mannschaftssport, im Arbeitsleben, in Beziehungen. Wir wissen, dass wir andere Meinungen aushalten müssen. Wissen wir das noch? Heute ist diese Fähigkeit mehr gefragt denn je. Das ist der Sinn von Gemeinschaft, wie ich ihn verstehe.

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