Jule Heck: Urlaubsfeeling

Foto: Jule Heck
Foto: Jule Heck

Endlich war ich das zweite Mal geimpft und wie befürchtet, die Reaktion darauf war fürchterlich. Ich konnte mich einen Tag lang kaum bewegen, lag wie ein großer Käfer auf dem Rücken auf der Couch und musste die Anreise an die Nordsee um einen Tag verschieben. Am nächsten Morgen wachte ich auf und war fit wie ein Turnschuh. Ich machte mich auf den Weg nach Cuxhaven, freute mich riesig auf meine Enkelkinder, die ich nun eine Woche um mich haben würde. Die Fahrt zog sich, wahnsinnig viel Verkehr, obwohl Sonntag und kaum LKW`s auf der Straße. Viele Baustellen, kilometerlang, verbunden mit Staus. Am Meer begrüßte mich ein wolkenloser Sommerhimmel und angenehme Temperaturen, die die ganze Woche anhielten.

 

Ich hatte viel Spaß mit den Enkelkindern, der Jüngste lernte gerade laufen und war ständig auf Erkundungstour rund um unser kleines Häuschen. Meine vierjährige Enkelin hatte ein Gespür dafür, wann die Oma morgens aufsteht und gesellte sich schon um halb sieben zu mir. Der Tag begann mit Spielen und Vorlesen. Zwischen Frühstück und Abendessen gab es ein Unterhaltungsprogramm für die Kids. Nur Strand ging gar nicht. Also begaben wir uns zum Reiten auf den Ponyhof, mit dem Pferdewagen durchs Watt nach Neuwerk oder mit dem Kutter zur Seehundinsel. Zwischen Eisdiele und Spielplatz dann zum Testzentrum. Und immer mit Maske. Unser Vermieter verlangte jeden zweiten Tag einen Corona freien Nachweis. Erholung sieht anders aus, aber schön war es trotzdem. Eine Woche später musste ich mich leider wieder auf den Heimweg begeben. Schon beim Einsteigen vermisste ich meine Familie, die noch eine Woche am Urlaubsort blieb.

 

Bereits zwei Wochen später begab ich mich an den Chiemsee zur Recherche für meinen Gesellschaftsroman, der dort spielt. Wieder viel Verkehr, Baustellen und Staus und jede Menge Menschen am Urlaubsort. Wer nicht an der Nordsee Urlaub machte, hielt sich offenbar rund um den Chiemsee auf. Eine Freundin begleitete mich und wir hatten das Glück, in einer hübschen Ferienwohnung mit Blick auf den See einer Bekannten unterzukommen. Fünf Tage lang erkundeten wir die Umgebung zu Fuß, per Rad oder mit dem Auto und fuhren mehrfach mit dem Schiff über den See, besuchten die Fraueninsel oder Ludwigs Schloss auf der Herreninsel. Und auch hier immer mit Maske und der Luca App, mit der wir uns in den Restaurants eincheckten. Leider vergaß ich mehrfach, mich wieder auszuchecken. Abends stellte ich dann fest, dass ich viele Stunden bei einem Italiener verbrachte oder immer noch bei einem Chinesen speiste. Nach diesen fünf Tagen wusste ich zumindest, dass ich einiges in meinem Roman ändern muss und, dass ich sobald keine Lust auf diese Menschenmassen habe.

 

Vorerst bleibe ich zu Hause. Meine Familie darf ich nicht sehen. Meine vierjährige Enkelin ist in Quarantäne, mit ihr weitere 99 Kinder aus einem Kindergarten und 50 Schulkinder aus Butzbach. Meine Tochter musste mit ihr zu einem Testcenter nach Reichelsheim, um festzustellen, ob sie auch infiziert ist. Das Ergebnis steht noch aus. Da ich Kontakt mit ihr hatte, zwar zweimal geimpft bin, aber theoretisch das Virus übertragen könnte, habe ich den Besuch bei meinem Augenarzt abgebrochen.

Die Schlagzeilen überschlagen sich und widersprechen sich in schöner Regelmäßigkeit. Mal heißt es, die Impftermine verfallen, weil sie nicht abgesagt werden und die Impfstoffe vernichtet werden müssen. Man überlegt, einen Anreiz zu schaffen, die Menschen mit Geld zu belohnen, damit sie sich impfen lassen. Heute steht in einer Zeitung „Deutsche halten Impftermine ein“. Es besteht also kein Grund zur Sorge. In der gleichen Zeitung erscheint im Wirtschaftsteil in einem Artikel die Aussage, dass das Impfen an Attraktivität verloren habe. Die Bundesregierung rät von Urlaubsreisen nach Spanien ab, Malta lässt nur noch Durchgeimpfte ins Land. Ein Gesundheitspolitiker sieht kein Risiko beim Reisen, so lange man Geimpft ist und Maske trägt.

 

Zur Beruhigung aller erscheint in der gleichen Presse ein kleiner Artikel mit der Überschrift „Deutsche sind so zufrieden wie vor der Krise“. Ob das mit der Urlaubszeit zusammenhängt? Ganz ehrlich, mit dieser Aussage habe ich so meine Probleme.

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