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Valentina Dietrich: Der Mann im Fenster gegenüber

Foto: Valentina Dietrich
Foto: Valentina Dietrich

Es war ein Abend mitten im zweiten Lockdown. Ich steckte in einer anstrengenden Phase des Homeschoolings. Es gab unzählige Zoomkonferenzen und Abgabefristen, die tief in meine Freizeit einschnitten. Für diesen Tag hatte ich mit der Schule abgeschlossen. Ich stand am Fenster und blickte in die Dunkelheit. Nur einzelne Straßenlaternen erhellten die Winternacht. Während ich mich draußen umblickte, fiel mir auf, dass im Fenster gegenüber Licht brannte. Ich konnte erkennen, dass sich ein Mann der Scheibe näherte, bis wir uns quasi genau ansahen. Vorsichtig hob ich meine linke Hand und winkte ihm zu. Erwartungsvoll wartete ich auf eine Antwort, doch vergeblich. Er hatte es nicht gesehen.

 

So banal diese Szene im Nachhinein klingen mag, so einschneidend war sie für mich. Obwohl ich direkt in dem Sichtfeld des Mannes stand, hatte er mich nicht gesehen. Er war wohl in seiner eigenen Welt, genauso wie viele andere auch. Eigentlich befinden wir uns durch Corona in einer viel größeren Nähe zueinander als sonst. Viele sind nur noch zu Hause und verlassen ihr Haus kaum. Das wäre eine Chance, sich zusammenzuschließen und gemeinsam etwas zu schaffen. Doch vergebens. Auch im Homeoffice finden Menschen Wege, sich von anderen zu distanzieren. Sie machen einfach die Tür zu oder setzen die Kopfhörer auf. Was dabei herauskommt, ist Rücksichtslosigkeit. Das sieht man derzeit zum Beispiel bei der EM. Tausende Fans dicht an dicht ohne Maske. Es ist dem Mann also nicht zu verdenken.

 

 

Mittlerweile ist er weggezogen. Am Tag seines Umzugs beobachtete ich vom Fenster aus, wie die Möbel aus seiner Wohnung in den Laster getragen wurden. Fast fühlte ich mich ein bisschen wehmütig. Jetzt werde ich ihm nie mehr sagen können, was sein Erscheinen im Fenster an diesem Abend für mich bedeutet hat.

 

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