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Martin Heß: Ärmel hoch! Die Pflicht ruft!

    Es gibt längst eine Impfpflicht in Deutschland und zwar eine moralische! Die gilt nicht erst seit Corona, sondern seit es Impfungen gibt und sie gilt auch nicht nur in Deutschland sondern überall dort, wo versucht werden muss, eine menschliche "Herde" von einer Seuche zu befreien. Epidemien sind Erkrankungen der Population und um sie zu wirkungsvoll zu bekämpfen braucht es nicht - wie beim Einzelnen - bloß zwei "Piekser" in den Arm, sondern Millionen "Piekser" zur Erlangung der Herdenimmunität. Am besten für alle, aber mindestens für 85%.

 

    "Compliance" heißt das Zauberwort in der Medizin: Die aktive Unterstützung einer Therapie durch den Patienten. Genügend Bürger müssen dabei bereit sein, das zwar geringe - aber eben vorhandene - Risiko und die Unbequemlichkeiten, die Impfungen mit sich bringen, auf sich zu nehmen. Dafür kann es für den Einzelnen am Ende des Tages drei Gründe geben: Gesetzgebung, Angst und Moral. 

 

    Gesetzliche Vorgaben, wie zu Zeiten der Pockenimpfung, gibt es in Deutschland derzeit nicht. Eine Impfpflicht wäre momentan auch politisch kaum durchzusetzen. Und was die Angst angeht: Besonders gefährdete und besonders vorsichtige Mitbürger durften als erste geimpft worden sein. Es bleibt also der Anteil der Bevölkerung, der es jetzt aus Einsicht tun muss. Doch wo soll die herkommen? Die Impfkampagnen stocken. In den USA werden zur Motivation Joints gereicht oder kostenlose Pizza angeboten, in Deutschland Strafen erwogen für Impfschwänzung. Jeder halt nach seiner Façon. 

 

    Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Zwischen einem Staat und seinen Bürgern gibt es einen Vertrag - und Verträge sind einzuhalten! - in den die Bürger durch Geburt oder Annahme der Staatsbürgerschaft eingetreten sind. Der Staat ist dadurch verpflichtet, die Bürger zu beschützen und den Bürgern ist auferlegt, ihn nach Kräften dabei zu unterstützen. Compliance: Das ist der Deal! 

 

    Doch nähert man sich dem rechten Bereich des politischen Spektrums und beleuchtet das Verhalten von AfD bis zu den sogenannten "Querdenkern" in dieser Pandemie, fällt auf, dass diese offensichtlich nicht bereit sind, ihren Teil der Verpflichtung zu tragen. Sie schwadronieren von "Freiheit" und berufen sich aufs Grundgesetz, nach dem die Regierung dazu verpflichtet ist, die Freiheit der Bürger zu schützen, während sie selbst nicht im mindesten bereit sind, die dazu notwendigen, zeitweisen Einschränkungen ihrer Grundrechte hin zu nehmen. Um dieses Verhalten zu rechtfertigen, diffamieren sie krakeelend den Staat und seine Regierung als "diktatorisch", die Seuche als erfunden und evidenzbasierte Medizin als Unterdrückungsmaschinerie. Das ist Wahnsinn mit Methode.

 

    Natürlich sind Ausgangssperren u.ä. massive Einschränkungen der Freiheit, aber sie sind auch ein wirksames und verfügbares Mittel, um die grundlegendste Freiheit des Menschen, nämlich die seiner körperlichen Unversehrtheit, zu schützen. Impfungen funktionieren psychologisch ganz ähnlich. Sie schränken zwar die Freiheit des Einzelnen nicht so stark ein wie Hygienemaßnahmen, setzen ihn jedoch einem gewissen Risiko aus um das Ganze, die Bevölkerung insgesamt, zu schützen. In beiden Fällen macht es praktisch keinen Unterschied ob ein Einzelner da mitmacht oder nicht. In der Gesamtheit aber sehr wohl.

 

    Beide Maßnahmen, Kontaktbeschränkungen und Impfungen, stellen den Bürger damit in eine spieltheoretische Situation, in der es gilt, Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Für das Gesamtergebnis ist aber letztlich das eigene Verhalten gar nicht so entscheidend, wie das der Anderen. Aus der subjektiven Sicht des Individuums ist es bei so etwas immer am gescheitesten, sich unmoralisch zu verhalten, also keine Abstand zu wahren, sich nicht impfen zu lassen und sich gleichzeitig darauf zu verlassen, dass alle anderen das aber tun. Wenn das klappt und sich nicht zu viele am Ende so schäbig verhalten wie sie selbst, profitieren Trittbrettfahrer/innen von der Disziplin der Anderen ohne eigene Einschränkungen auf sich zu nehmen oder Risiken einzugehen.

 

Moralisches Handeln hat stets das Wohl der Anderen im Blick. Damit tun sich die Rechten schwer. Trotz des für autoritär denkende typischen Geredes von "Pflicht", "Ehre", "Treue", "Volk", "Opferbereitschaft" usw. beruht ihr Weltbild doch maßgeblich auf fehlender Empathie, dem Unwillen und meist auch der Unfähigkeit, Mitgefühl zu empfinden und auch für Andere etwas zu tun, nicht nur für sich selbst und die eigenen Leute. Und das ist keine Frage der Einsicht, keine Frage der Argumentation, sondern eine Qualität des Herzens, die in der Kindheit erworben wird oder eben nicht. Wenn sie fehlt, ist das Leben leidvoll. Nicht nur unter Corona.

 

Martin Heß

Bild: M.Heß, Morgenlicht (am 06.07.21)

 

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