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Antje Lilienthal: Kleine Sommererlebnisse

 

Seit ein paar Wochen ist das Leben in unsere so lange ruhiggestellte Stadt zurückgekehrt. Meine anfänglichen Schritte sind recht bescheiden. Ein erster Einkaufsbummel führt mich nicht wie früher auf die schon wieder überfüllte Zeil in Frankfurt, sondern einfach „nur“ in ein Bekleidungsgeschäft nach Friedberg. Ich genieße es, die Sommerstoffe zu befühlen, mich ein wenig mit neuen Farben und Schnitten anzufreunden, mich in aller Ruhe vor dem Spiegel zu drehen und dankbar die ausgesuchten Vorschläge der freundlichen Fachverkäuferin anzunehmen. Online-shopping ade! Ende der zähen Recherche am Laptop. Keine Enttäuschung beim Paket auspacken, keine Mühe, die Stücke wieder einzuwickeln und zur Post zu bringen. Kein mulmiges Gefühl, weil jetzt vielleicht Kleidung vernichtet werden wird - nur, weil sie mir nicht gefällt. Kein Auftrag für die unzähligen DHL-Autos, die die Straßen verstopfen und auch keiner für den Onlineversandhändler Amazon, der sich in der Pandemie eine goldene Nase verdient. Der Einkauf in einem hiesigen Geschäft fühlt sich gut an.

 

Auch der Verkauf im Weltladen in Bad Nauheim, in dem ich ehrenamtlich tätig bin. Ich darf wieder Kunden reinlassen, die zuvor nur an der Tür bedient wurden. Die Kundinnen und Kunden nehmen umgehend ihre Lieblingsbeschäftigung bei uns wieder auf. „Erst mal schauen“. Und zwar in aller Ruhe, mit viel Aufmerksamkeit für die schönen kleinen Dinge: Kunsthandwerk, Schmuck, Geschirr und Gläser, Taschen und Schals, Bücher, fair hergestellte Lebensmittel. Die Kasse klingelt wieder. Ein freundliches Paar kauft für 26,00 Euro ein und gibt 10,00 Euro in die Spendendose. Ich schaue die Beiden erstaunt an und bedanke mich. „Gerne“, sagen sie und erwidern meinen Blick. „Uns geht es doch so gut“. Das berührt mich: dass sie an die vielen Menschen auf der Südhalbkugel der Welt denken, die wegen der wegbrechenden Einnahmen während der Pandemie noch ärmer sind als zuvor.

  

Und die Teamarbeit im Weltladen macht wieder mehr Spaß. Zur Besprechung sitzen wir zum ersten Mal seit einem Jahr in einem großen Kreis draußen zusammen und nicht mehr einzeln vor unseren Laptops. Wir nehmen uns wieder richtig wahr. Die neue Frisur und das frische Aussehen von Gisela etwa. Ich scherze: „Du hast Dich in der langen Zeit verjüngt.“ Sie kontert: „Vielleicht sind Deine Augen schlechter geworden“. „Mag sein“, sage ich, und wir lachen. Das kleine Miteinander, das spontane sich Zuzwinkern, Nebenbemerkungen am Rande, der Plausch im Anschluss an das Plenum - all das hat bei den virtuellen Treffen sehr gefehlt. Und natürlich erst recht so etwas wie der große Korb voller frischer Erdbeeren aus dem Garten, den Birgitta in der Runde herumgehen lässt.   

  

Es gibt aber auch Menschen, die jetzt noch mehr an sich denken, als sie es vor Corona schon taten oder diejenigen, die gar nicht erst denken. Im Regionalzug nach Frankfurt haut eine Gruppe junger Erwachsener mit Alkohol, aber teilweise ohne Masken, ordentlich auf den Putz. Bei meinem ersten Besuch im Museum für Weltkulturen seit langer Zeit, tragen viele Besucher trotz Maskenpflicht keinen Mund-Nasen-Schutz. Man sollte eigentlich annehmen, dass sie wissen, dass erst knapp die Hälfte aller Deutschen zweitgeimpft sind.

  

Und nach wie vor treffen Politik und Organisationen Entscheidungen, die meine Haare zu Berge stehen lassen. Zur Europa Fußballmeisterschaft reisen Fans quer über den Kontinent, während in Großbritannien, in Portugal und in Russland die Delta-Variante des Coronavirus ihren Schrecken verbreitet. Die UEFA überlegt, wegen möglicherweise verschärfter Einreisebeschränkungen das Endspiel anstatt wie geplant in London nun in Budapest auszutragen. Victor Orban garantiert nämlich ein voll besetztes Stadion mit 61 000 Zuschauern – zwar getestet oder geimpft, aber ohne Maske!

  

Meine Grundstimmung nach zermürbenden eineinhalb Corona-Jahren bringt Anfang Juni das Kurkonzert „Colalaila Classic“ mit der bekannten Klarinettistin Irith Gabriely und Band auf den Punkt. Facettenreich wie das Leben selbst und erst recht das Leben in der Pandemie erklingen die schluchzenden und jauchzenden Klezmertöne aus der Konzertmuschel in die Bad Nauheimer Trinkkuranlage. In mir rufen sie auch die tiefe Verzweiflung über Not und Elend dieser Zeit hervor.  Ebenso wie die ausgelassene Freude darüber, dass wieder Farbe ins Leben kommt und die große Hoffnung, dass es bitteschön auch so bleibt.

 

 

 

 Foto: Ulrike Niemann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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