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Nina Elflein: Vom für und wider

Foto: Nina Elflein
Foto: Nina Elflein

Mit der ersten Schulschließung wurde die Pandemie für mich und meine Kinder greifbar. Keine Schule, keine Freunde, keine Sportvereine, keine kinderfreie Zeit, HomeSchooling, Einzelhandelauflagen, fortwährende Änderungen und neu gesetzte Rahmenbedingungen, die sich auf unseren Alltag auswirkten. Punkt. Als Ein-Elternfamilie war und ist das eine echte Herausforderung, wie auch für andere Familien. Und doch war für mich von Anfang an spürbar, dass jede Familie ihren ganz eigenen Ausgangspunkt und somit ihre ganz eigene Perspektive auf die Pandemie und den damit einhergehenden Maßnahmen hat. Ich glaube, das gilt für uns alle - ganz gleich ob Familie mit Schulkindern, mit erwachsenen Kindern, mit kleinen Kindern, Alleinstehende, Senior:innen oder wer auch immer sich wo verorten möchte. Ich kann die Vielfalt der Perspektiven nur erahnen und damit einhergehend stellte ich mir die Frage: Wie wirkt sich das auf unser zusammen sein aus? Nicht, weil politische Maßnahmen plötzlich einen Rahmen für das zusammen sein vorgaben. Ich glaube nicht an bedrohende Narrative und gehe daher auch nicht davon aus, dass ich von "denen da oben" gegängelt und bestimmt werde und deshalb nicht mehr mit Menschen zusammen sein dürfe. Ich schaue einfach sehr gerne auf meine Beziehungen und frage mich - wie geht das eigentlich?

Oder, was geht nicht?

 

Die Aufmerksamkeit dafür kam mit einer erlebten Trennung. Seither frage ich mich bewusst, wie ich mit Menschen in Beziehung gehe. Was mache ich und mein Gegenüber, dass ein "sich aufeinander beziehen" möglich wird? Mit der Zeit habe ich die Frage erweitert und ich schaue zudem darauf, aus welcher Haltung ich in die Beziehung gehe? Will ich eine Freude teilen, einen Ärger mitteilen, habe ich ein Bedürfnis nach Nähe, habe ich Angst? Daher auch die Frage;

 

Wie wirkt sich die Pandemie auf unsere Beziehungen aus,

wenn wir aufgrund unserer Rollen und unserem Dasein ganz eigene Perspektiven haben?

 

Zu Beginn der Pandemie empfand ich die Frage als spannend. Trotz Maßnahmen und Einschränkungen und Auflagen kann ich mit Menschen in Beziehung sein. Ich rufe Freunde an, schreibe ihnen und wir treffen einander auch. Ich begegne Menschen im Laden und schulbedingt erlebe ich Menschen an digitalen Elternabenden. Mittlerweile empfinde ich den beobachteten Umgang mit den politischen Maßnahmen und die Weise, wie Menschen in Beziehung gehen auch als anstrengend. Das Gute daran ist, eine weitere Nuance ist zu meiner Frage hinzugekommen: die nach der für oder wider Stimme.

 

Vielleicht liegt das an der „Brille“, die ich auf habe? Vielleicht bin ich sprachlich empfindsam. Mit Sicherheit bin ich von meinem Erlebten geprägt. Was sich vor diesem Hintergrund abzeichnet, ist das Interesse an dieser neuen „für oder wider“ Nuance. Derzeit bin ich der Ansicht, dass sie von den vorgenannten Fragen, wie ich in Beziehung gehe und aus welcher Haltung heraus, nicht zu trennen ist. Ich bin der Ansicht, dass diese Nuance sich auf die Tonlage einer Beziehung auswirkt. Dass sie Stimmung macht, wenn sie fragt: Entscheide ich für mich oder gegen wen? Stehe ich für mich ein oder agiere ich gegen wen? Diese Differenzierung scheint gering, doch in der Summe wirken auch kleine Nuancen, was sich am Beispiel Schule derzeit abzeichnet. Konkrete Äußerungen sind dabei Beleidigungen, Bedrohungen und Belästigungen gegenüber Lerher:innen und auch der Schulleitung im Zusammenhang mit der Umsetzung von politisch gesetzten Maßnahmen. Und das ist nicht übertrieben oder lediglich bezogen auf mein Erleben, sondern das Ergebnis einer Forsa Umfrage, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kürzlich vorstellte. Meinem Empfinden nach, sind Formen psychischer Gewalt, die sich in Beleidigungen und Bedrohungen manifestieren ein Zeichen, dass sich ein Mensch sprachlich gegen Menschen richtet. Wie erwähnt, der soziale Raum Schule gilt hier nur als Beispiel. Ich vermute, dass Du andernorts ähnliche Beobachtungen gemacht hast. Hast Du?

 

Mir geht es ja nicht darum kritische Stimmen oder andere Ansichten auszuschließen. Ich erlebe unterschiedliche Perspektiven und damit vielleicht einhergehende Konflikte durchaus als Bereicherung für das zusammen sein. Aber wenn wir anfangen, aus einer empfundenen Enge, gegen andere zu kämpfen und dabei unser für-sprechen vernachlässigen, wird ein zusammen sein schwierig. Long story short:

 

 

Ich glaube DAS wird uns viel länger beschäftigen als Corona.

Also uns, als Gesellschaft. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Wolf (Dienstag, 01 Juni 2021 15:32)

    Ein wichtiger Unterschied, in dem Aufeinander zugehen bezüglich Coronamassnahmen, ist auch: Bin ich für ein größeres Ganzes verantwortlich: Einen Laden, einen Verein, eine Schule, oder nur für mich allein, oder noch meine Kinder.
    Diesen Unterschied gab es natürlich schon immer, aber Corona hat ihn verschärft.

  • #2

    Nina @Wolf (Dienstag, 01 Juni 2021 17:37)

    Ja, das stimmt natürlich. Die Tragweite der Verantwortung wirkt sich ebenfalls auf die Unterschiede aus. Vielen Dank für die Ergänzung.

    Ich wünsche mir einfach, dass bei all den rein spielenden Komponenten und der durch Corona bedingten Enge, wieder Raum für wohlige Beziehungen entstehen kann.