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Susann Barczikowski: Die Last des Reisens

Mich hat mal wieder die Reiselust gepackt. Die Inzidenz ist relativ niedrig und auf Mallorca das Wetter einfach unschlagbar viel besser. Also, nichts wie weg. Moment – da war doch was! Das Reisen in Zeiten von Corona hat sich verändert. Es ist wesentlich zeitaufwändiger geworden und bürokratischer. Nicht nur, was das Buchen von Flügen anbelangt. Denn noch fliegen nicht alle Fluggesellschaften quasi zu jeder erdenklichen Zeit ins benachbarte Ausland. Außerdem werden verschiedene Dokumente benötigt, die es vor Corona gar nicht gab, wie beispielsweise PCR-Test und Einreiseerlaubnis. Zwei Tage vor Abflug zum Frankfurter Flughafen, um Rachenabstrich vornehmen zu lassen (Dauer mit Hin- und Rückfahrt ca. 3 Stunden). Dann auf das Ergebnis warten (max. 24 Stunden). Der Test – ist negativ! Jetzt heißt es, ran an den PC und Einreiseformulare ausfüllen (Dauer ca. 2 Stunden, weil es ziemlich kompliziert ist: Reisepass-Nummer eingeben, Negativ-Test-Code-Nummer angeben, Dokumente hochladen, ausdrucken usw.). Übrigens sollten später sämtliche Dokumente und das Testergebnis am Zielflughafen dreimal überprüft werden.

Zuvor ist allerdings erstmal das Kofferpacken dran. Desinfektionsmittel und Mund-Nasenschutz-Masken in verschiedenen Ausführungen in Koffer und Handtasche sowie alle Papier bzw. Dokumente (früher genügte  es, die Boardkarte auf dem Handy abzuspeichern). Als Reiselektüre habe ich ein Buch von Andreas Maier im Gepäck, „Die Städte“, ein Buch über das Reisen. Das passt, finde ich.

Am Flughafen das üblich Prozedere. Einchecken, Test vorzeigen, warten. Erstaunlich viele Fluggäste wollen dem tristen Regenwetter über Pfingsten entfliehen. Die Verkäuferin am Zeitschriftenkiosk ist gut gelaunt. Endlich hat sie wieder ordentlich zu tun. Ich kaufe eine Zeitschrift und Kaugummi. Beim Bezahlen flüstern sie mir unter ihrem Mund-Nasenschutz zu: „Da vorne steht der Außenminister.“ Ich bin neugierig und drehe meinen Kopf. Für einen kurzen Moment treffen sich unsere Blicke. Tatsächlich. Das ist Heiko Maas. Leger gekleidet ist er und kaum von den übrigen Reisenden zu unterscheiden, wären da nicht seine Bodyguards, die direkt neben ihm deutliche Präsenz zeigen.

Wo er wohl hinfliegen wird? Nach Israel? Oder auch einfach nur nach Mallorca? Später werde ich im Internet lesen, dass er unterwegs nach Namibia war. Der Völkermord an den Herero und die offizielle Anerkennung der Bundesregierung an diesem unsäglichen Massaker von 1904 in Südwestafrika. „Wir werden offiziell bestätigen, das dies ein Völkermord war“, wird Maas später in den Medien zitiert. Keine leichte Reise, denke ich im Nachhinein.

So gesehen ist meine Reise ein Vergnügen. Ich freue mich auf Land und Leute, das schöne Wetter und das Meer. Im Flugzeug sitze ich mit meiner Mutter in einer Reihe. Vor uns eine Familie mit zwei Kindern. Vater, Mutter und die Töchter haben alle die gleiche Haarfarbe: Ein dunkles Braun mit rötlichen Reflexen. Ich finde das sehr ungewöhnlich und denke, die Haare des Vaters sind mit Sicherheit gefärbt. Dann vertiefe ich mich in meine Reiseliteratur.

Der Schriftsteller Andreas Maier ist in Bad Nauheim geboren und hat später in Friedberg gelebt. In seinen Geschichten und Romanen nimmt er immer wieder Bezug darauf. So auch in „Die Städte“, seinem neusten Roman, in dem Maier sich an das Reisen als Kind, später als junger Erwachsener erinnert. Wie der Vater mit der Familie durch die nachtdunkle Wetterau rast und an verschiedenen Städten und Landschaften vorbei rauscht bis hin zum „verhassten“ Ferienort.

Kurzweilig – und mitunter sehr humorvoll – berichtet der Autor darüber, dass er nie wirklich reisen wollte, die Fahrten unerträglich langweilig fand und keinem noch so schönen Urlaubsort in Tirol, Italien oder Griechenland etwas abgewinnen konnte. Die „aufgezwungenen Reisen“ hatten ihn vielmehr gelähmt und „zur Strafe“ wollte er seinen Eltern den Urlaub immer gründlich vermiesen. Als Jugendlicher begann er (deshalb?) zu trinken: Bacardi Rum (elterliche Hausbar in Friedberg), Ouzo (Hotel in Griechenland), Bier und Wein (Italien). Den Urlaub irgendwie zu überleben und die Ferien totzuschlagen, war sein Ziel. „Ich weiß, dass ich diese Zeit aussitzen muss. Ich weiß auch, dass sie vorbei gehen wird“, beschreibt der Schriftsteller die „Last des Unterwegsseins“, die ihm auch später als Tramper und in Zeiten des „Billig-Tourismus“ eher Pflicht denn Lust ist. Erst recht, wenn man wie er auf Lesereise in Weimar auf Nazis trifft.

Die Last des Reisens gibt es nicht nur in Corona-Zeiten.

Andreas Maier liest heute Abend (18 Uhr) im Theater Altes Hallenbad in Friedberg aus seinem Roman „Die Städte“. Wäre ich in Bad Nauheim, würde ich hingehen.

 

Foto: Barczikowski

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Wilcke Klaus (Sonntag, 30 Mai 2021 18:34)

    Ja stimmt ... alles viel komplizierter geworden, trotzdem lohnt es sich die Welt zu entdecken und nicht in der globalen Panikmache unterzugehen. Schöner Artikel.