Martin Heß: Pfingsten

Freitag Nacht. Von weitem sind sie schon zu hören. Ein Rufen, Grölen, Schreien, das einem wie mit schleimiger Hand an die Seele fasst. Das ist kein Volksfest, ist kein Spaß, kein freudiges Lachen, keine Musik. Der Sound ist böse. Voll Verachtung. Zerstörerisch. 

 

Es gibt etwas in der Psychologie, das wird das „Massenphänomen“ genannt. Gustave LeBon beschreibt in seiner „Psychologie der Massen“, wie Menschen in emotionale Resonanz kommen. Das Phänomen fängt bei zweien an und kann Millionen erfassen. Wenn die Voraussetzungen stimmen, entsteht ein Spirit, entsteht eine Stimmung, die alle mitnimmt. Die Gefühle der Menschen synchronisieren sich. Ein "Gruppengeist", ein Teamspirit, "emergiert" und ist dann "mitten unter ihnen".  

 

Das Emotionale ist der Primärprozess, die Wirklichkeitskonstruktion folgt dem nach. Die Teilnehmenden stecken sich mit ihren Emotionen gegenseitig an und bewirken dadurch (verstärkende) Resonanz. Das erzeugt eine gemeinsame Sicht auf die Dinge. (Und Alkohol befördert das Verschmelzen dramatisch!)  So taucht etwas Neues und Zusätzliches auf: ein Plus an Energie und Motivation. Sehr beliebt in Arbeitsteams, bei Gottesdiensten, Konzerten und im Stadion. Der Ursprung aller Kultur! Eigene Werte, Ziele, Biografien treten eine Zeitlang in den Hintergrund. Es ist als ob ein „höheres Wesen“ auf einmal größeren Einfluss gewinnt. Oder eben ein Unwesen. Gerade so, als werde ein "Heiliger Geist" ausgeschüttet oder eben ein nicht so heiliger, je nachdem ...

 

Le Bon war der Überzeugung, in der Masse entwickle sich der Mensch prinzipiell zurück, fiele unter sein Niveau und werde dumm. Ja sogar sehr dumm. Er lasse sich dann kinderleicht manipulieren, sinke auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, werde zum Herdentier. In diesem Zustand verlören Menschen ihre Menschlichkeit. 

 

In Belfast ging es los. Kaum wurden die Kontaktbeschränkungen gelockert, brachen Unruhen aus. Dann Gaza. Überall in Europa liefen die Dinge aus dem Ruder. Und wie geriet Bad Nauheim zur Kampfzone?

 

Erst im Shutdown wurde das Problem der Poser, Raser & Tuner zum offenen Konflikt. Genervt hatte es viele schon länger. Überall in Deutschland, Österreich und der Schweiz tauchte es in dieser Zeit verstärkt auf. Man könnte denken, hier zeigte sich der aufgestaute Frust der Pandemie, der sich quasi „in den Menschen“ über die Zeit der Shutdowns angesammelt habe und dem nun die Schleusen geöffnet worden seien, frei nach dem Motto: „Wo sollen sie auch hin?“ Das ist aber höchstens die halbe Geschichte. 

 

Die andere Hälfte ist, dass nach der Kontaktbeschränkung, die wie ein Reset gewirkt hat, sich die kulturellen "Geister" neu sortieren. Und deshalb ist jetzt die Zeit gekommen, Leute, Kultur zu zelebrieren, in jeder Form und wo es geht! Das Bedürfnis nach Abgrenzung ist groß, Wut, Angst und Verachtung eskalieren die Konflikte. Doch genauso wichtig ist es, in solchen Zeiten die eigenen kulturellen Muskeln zu recken und die Trägheit hinter sich zu lassen.

 

Wir brauchen Party-Kompetenz! Wir brauchen Konzerte, Tanz, Theater, Ausstellungen, Museen, Straßenfeste, Wettkämpfe, Messen, Kongresse, Festivals und und und . . . - und alles mehr denn je! Lass uns die kulturelle Auferstehung und die neue Inspiration gründlich feiern, Mensch: Es gab selten einen besseren Anlass, als nach dieser Pandemie! Wir sollten zusehen, dass dieser Sommer ein Fest wird! Die Vorbereitungen laufen.

 

Martin Heß

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Elisabeth Möbs (Montag, 24 Mai 2021 12:16)

    Lieber Martin
    Diese Sicht auf die Zeit und die Phänomene, die sie hervorbringt finde ich wunderbar. Danke dafür
    Liebe Grüße Elli ���

  • #2

    Samirah Pöpel (Montag, 24 Mai 2021 21:28)

    Wunderbar geschrieben! Ich hätte es sehr gerne auf Facebook geteilt!