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Antje Lilienthal: Das kostbare Gut

 

Der Besuch meiner Schwester über Himmelfahrt war ein kostbares Geschenk. Das ist unser Zusammensein eigentlich immer. Aber in Corona-Zeiten umso mehr. Vor einem Jahr hätten wir eine Zugfahrt über 600 km hinweg noch nicht in Erwägung gezogen. Aber im Mai 2021 sind meine Schwester, mein Mann und ich erstgeimpft, was einen gewissen Schutz bietet. Und wir können uns regelmäßig testen lassen. Ein wahres Geschenk der Wissenschaft!

 

Geschenke sind nicht selbstverständlich. Wir können Sie nicht erwerben; und wir haben keinen Anspruch darauf. Das gilt für den persönlichen Bereich wie für die Fortschritte von Forschung und Wissenschaft. Sie sind selten und kostbar. Deshalb ist es ratsam, möglichst vorsichtig mit ihnen umzugehen.

 

Meine Schwester und ich genießen die gemeinsame Zeit mit großer Achtsamkeit. Unverfänglich sind die ausgedehnten Spaziergänge in unserer schönen Kurstadt oder in der Wetterau, wo alles grünt und sprießt und nach Frühjahr duftet. Beim Flanieren im Kurpark oder eingetaucht in das Meer der Rapsfelder führen wir die Gespräche, die wir so lange vermisst haben. Und wenn es wieder einmal regnet, packen wir den Regenschirm aus. Gott sei Dank gibt es keinen Anspruch auf Sonnenschein und trockene, warme Frühlingsmonate, wie wir sie in den vergangenen Jahren hatten. Sie wären auch ein zweifelhaftes Geschenk. Bekanntlich zahlt die Natur dafür einen zu hohen Preis.

 

Von unseren Politikern haben wir Bürger in den letzten Tagen durchaus fragwürdige Geschenke erhalten: Hoffentlich entpuppen sie sich nicht später als "schöne Bescherung". Etwa die großzügige Auslegung unseres Gesundheitsministers in der Frage des Abstands zwischen Erst- und Zweitimpfung mit Astrazeneca. Jens Spahn empfiehlt eine Zweitimpfung auch schon nach vier Wochen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) spricht dagegen von einer 80%igen Wirksamkeit erst nach 12 Wochen (30% höher als nach 4 Wochen). Die Worte von Sabine Wicker, stellv. Vorsitzende der Stiko, in der FAZ vom 19. Mai, klingen ernst: „Die Verkürzung des Impfstoffintervalls erschwert unseren Kampf gegen die Pandemie, weil eine geringere Wirksamkeit auch ein höheres Ansteckungs- und Übertragungsrisiko mit sich bringt.“ Haben wir uns mehr als ein Jahr lang in vielen Lebensbereichen umfassend eingeschränkt, nur um in den kommenden Sommermonaten mit geringerem Impfschutz als möglich nach Lust und Laune verreisen zu können? Ein vorsichtiger Umgang mit dem kostbaren Impfstoff sieht für mich anders aus.

 

Mich beschleicht das Gefühl, unserer Politik kann es mit ihrer Impfkampagne plötzlich nicht schnell genug gehen. Möchte die Regierung im Wahljahr unsere im internationalen Vergleich immer noch bescheidene Impfbilanz nun etwa ruckartig nach vorne bringen? Die bundesweite Aufgabe der Impfpriorisierung schon ab dem 7. Juni bestärkt diesen Verdacht. Denn der Impfstoffmangel bleibt bis auf weiteres bestehen. Und klar ist auch, dass bis Anfang Juni noch nicht mal alle Risikogruppen durchgeimpft sind. Der Deutsche Ethikrat plädierte deshalb auch für ein vorläufiges Beibehalten der Priorisierung.

 

So aber ergattert den ersehnten Impftermin zuerst, wer einen langen Atem hat, besonders sprachmächtig ist oder über einen guten Draht zu seinem Hausarzt verfügt. Viele, die den Impfstoff besonders dringend benötigen, drohen auf der Strecke zu bleiben. Und viele Ärzte, die jetzt alleine die Verantwortung für die Impfreihenfolge tragen, „bedanken“ sich für die unendlichen Diskussionen mit ihren Patienten. Die einen wollen ihren Impftermin vorverlegen, die anderen unbedingt sofort drankommen und wieder andere auf gar keinen Fall mit Astrazeneca geimpft werden. Das berichtet etwa meine Freundin, die Hausärztin in Kassel ist. Der Deutsche Hausärzteverband befürchtet zunehmende Aggressivität in den Arztpraxen. Thomas Mertens, der Vorsitzende der Stiko, fürchtet in der Berliner Morgenpost vom 20.5., dass viele Hausarztpraxen „unter dem Ansturm der Impfwilligen zusammenbrechen“ werden. Und Deutschlands Kassenärzte warnen bereits davor, dass Hausärzte sich wegen Impfstoffmangels aus der Impfkampagne ausklinken. Dass jetzt schon wertvolle Behandlungszeit verloren geht, ist ein weiteres Thema.

 

Ein für alle nachvollziehbarer, verantwortungsvoller Umgang mit dem immer noch knappen Gut Impfstoff ist wichtig, damit die Impfkampagne nicht unnötig gefährdet wird. Es wäre schön, wenn dieser Gedanke den Stellenwert in der öffentlichen Diskussion einnimmt, den zur Zeit der Sommerurlaub hat.

 

Denn das kostbarste Geschenk ist unsere Gesundheit. Weder wir noch unsere Politiker sollten es aus kurzfristigen Überlegungen heraus verspielen.

 

 

 

Foto: E. Armin

 

 

 

 

 

 

 

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