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Martin Heß: Lohn der Angst

Martin Heß (2021) Morgenrot
Martin Heß (2021) Morgenrot

Es heißt ja immer wieder, man solle jetzt optimistisch sein, den Kopf nicht hängen lassen, positiv denken und nicht so "deutsch" daher kommen. Gerade jetzt, gerade in einer Pandemie müsse man guten Mutes bleiben, nach vorne schauen und zielbezogen denken. Nicht nur Probleme solle man im Kopf haben und nicht nur über das sprechen, was man zwar wolle, aber nicht könne, weil es nicht gehe. So sei es. Jedoch - solcher Art Appelle hinterlassen bei mir oft einen schalen Nachgeschmack. Irgendwie spüre ich ja die gute Absicht, allein: Der Mensch ist anders. Und das erkennt man, wie ich meine, schon alleine daran, dass so etwas überhaupt gesagt wird. Oder käme jemand auf die Idee, besonders zu betonen, man müsse sich auf Schwierigkeiten konzentrieren? Wohl kaum. Warum nicht? Weil es ohnehin geschieht! Der Mensch als solcher ist ein geborener Pessimist, wälzt  lieber Sorgen als Utopien und das mit gutem Grund.

 

Wir können zwar selbst bestimmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, doch üben aktuelle oder kommende Gefahren eine geradezu magische Anziehungskraft auf sie aus. Und das ist auch gut so, denn drohende Gefahren sind nun mal prinzipiell wichtiger als möglicher Zugewinn. Das ist kein Konstruktionsfehler im Gehirn sondern das evolutionäre Erfolgsprinzip des Homo Sapiens. Es ist fest in unserem Nervensystem verankert. Das Negative war schon immer wichtiger als das Positive und der Wunsch, Schaden zu vermeiden, rangiert mit gutem Grund über dem, Gewinn zu erzielen. Und deshalb lief auch ein großer Teil der CDU-Basis mit wehenden Fahnen ins Lager des Wettbewerbers von der CSU über, denn der hatte die besseren Umfragewerte, weil bei ihm die Leute sich sicherer fühlten als bei einem, der laviert. Hier zeigt sich unter dem Vergrößerungsglas der Pandemie, was auch sonst den Wählerwillen leitet: Die Menschen wollen Sicherheit, nicht Risiko.

 

Und deshalb kam der Wunsch nach Öffnung und Lockerung der Schutzmaßnahmen auch nicht aus der Bevölkerung, das zeigen Umfragen, sondern aus der Wirtschaft. Verständlich ist das, doch wenn Politiker diesem Druck schließlich nachgeben, verspielen sie das Vertrauen der Wähler, das tief in ihrem biologischen Bedürfnis nach Schutz verankert ist. Die wollen ein Führungspersonal, das die Eindämmung der Seuche verfolgt und nicht mit Inzidenzwerten und Belegungszahlen, also mit Menschenleben, hantiert. Man könnte sagen: spielt.

 

Der Mann aus Franken zeigte das schon früh. Vermutlich hat es ihm sein Bauchgefühl als "Political Animal" geraten: Er hat jedenfalls von Anfang an den „harten Hund“ gegeben, den Landesvater, der kompromisslos die schützende Hand über die ihm Anvertrauten hält. So einen finden die Menschen gut, nicht nur in Bayern und nicht nur, weil er ihr emotionales Grundbedürfnis nach Trost und Schutz, das aus der Angst entsteht, bedient, sondern auch weil diese Haltung letztlich auch als die gefühlt Vernünftigste dasteht. Betrachtet man die Situation des Politikers nämlich einmal aus spiel- oder entscheidungstheoretischer Sicht, fällt auf, dass er zwei Arten von Fehlern machen kann und in den Augen seiner Wähler - die sehen in ihm den fehlbaren Menschen - auch machen wird. Er kann Gefahren entweder über- oder unterschätzen. Vor diese Wahl gestellt wird klar, dass das Unterschätzen immer der weitaus schwerwiegendere Fehler ist. Aus Versehen arm oder depressiv zu werden ist im Zweifel halt doch nicht ganz so schlimm, wie aus Versehen tot zu sein. Also folgt man dem, der auf Nummer sicher zu gehen scheint. Merkt`s Euch am besten schon mal für die nächste Katastrophe . . . ;-)

Martin Heß

 

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