Antje Lilienthal: Unmut

Ein krebskranker Mann aus Friedberg, Mitte 70, wartet verzweifelt auf seinen Impftermin. Meine Freundin in Garmisch, ebenso alt, ist endlich von ihrem Hausarzt geimpft worden und kann jetzt etwas unbesorgter in eine Rheumaklinik gehen. Eine andere Freundin aus Bad Nauheim, 73, mit einer Herzmuskelentzündung, wurde hingegen von ihrem Hausarzt abgewimmelt. Sie hat sich wie die  anderen auch entsprechend der Priorisierung im Februar für einen Impftermin registriert und Mitte März einen Zwischenbescheid erhalten. Seitdem hat sie wenigstens schwarz auf weiß, dass die 79- bis 74-jährigen noch vor ihr dran sind. Auch in anderen Bereichen lähmendes Warten und Durchwursteln: Überlastete Frauen in meiner Bekanntschaft trotzen dem Wahnsinn zwischen Home-Office und Home-Schooling mit Antidepressiva. Freunde bei der Frankfurter Messegesellschaft wissen seit Monaten nicht, wie es in ihrem Job weiter gehen wird. LehrerInnen wie meine Schwester kämpfen sich seit einem Jahr durch einen chaotischen Schulbetrieb. Gastronomen und Einzelhändler bangen umso länger umso mehr um ihr wirtschaftliches Überleben. Und dass das Klinikpersonal nicht kollabiert, grenzt an ein Wunder.

 

Laut einer Sonderbefragung der R+V-Versicherung „Die Ängste der Deutschen 2021“ vom Januar befürchten 48 % der Deutschen eine Erkrankung an der Corona-Infektion, 59 % fürchten sich vor einer schlechteren Wirtschaftslage und 54 % der Bevölkerung sieht die Politiker im Umgang mit der Corona-Pandemie überfordert.

  

Letzteres scheint wohl so zu sein. Wohlmeinende, zu denen ich mich bis etwa Anfang Februar auch noch zählte, mögen das mit den noch nie da gewesenen Herausforderungen einer Pandemie erklären. Dann kam das Versagen der EU bei der Impfstoffbeschaffung ans Licht, die ewigen Querelen um die Ausgestaltung des Lockdowns bei steigenden Infektionszahlen, das Hin und Her um den Impfstoff AstraZenca, die verpatzte Osterruhe. Und immer wieder verhallen die Appelle aus überlasteten Kliniken, von Ärzten und Virologen ungehört. Die Sorge wächst, dass da was aus dem Ruder läuft.

 

Jetzt aber ist Politikern gelungen, was keiner in einer Pandemie für möglich gehalten hätte. Mehr als eine Woche lang lenkt das Drama um die CDU/CSU Kanzlerkandidatur uns tatsächlich mit aller Macht von unseren Sorgen ab. Auf ihrer traditionellen Sommer-Pressekonferenz nannte Angela Merkel im August 2020 das Corona-Virus eine „demokratische Zumutung“. Hat sie damals ahnen können, dass acht Monate später die leidige K-Diskussion vielleicht eine Zumutung zu viel für die Bürger unseres Landes werden würde?  Voraussehbar war das Desaster zwischen Söder und Laschet seit langem. Verhindert hat es in der CDU/CSU-Fraktion niemand. Wie tief die CDU-Krise das Vertrauen der Wähler erschüttert, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Dass sie spurlos an der Zufriedenheit der Bundesbürger mit der deutschen Parteienlandschaft vorbeizieht, ist nicht anzunehmen.  

  

Genau so wenig wie wiederholtes Versagen in drängenden Fragen auf europäischer Ebene verziehen wird. Laut Eurobarometer vom April misstraut die große Mehrheit der EU-Bürger dem EU-Staatenverbund. Und das auch in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien, die traditionell ein positives Verhältnis zu Europa haben. 59 % der Deutschen, 53 % der Italiener, 56 % der Franzosen und 72 % der Spanier vertrauen der EU nicht mehr. Ich finde das alarmierend. Aber was füllt die Schlagzeilen?  Die Sofa-Affäre von der Leyens in der Türkei! Zu ihrer Verärgerung hatte der türkische Staatspräsident Erdogan sie bei einem gemeinsamen Besuch mit Europaratspräsident Charles Michel auf ein abseits stehendes Sofa verbannt. Seitdem wird in Brüssel akribisch daran gearbeitet, dass sich ein solcher protokollarischer Fauxpas nicht wiederholt.

  

Gott sei Dank erhält die EU nun auch bis Ende Juni zusätzliche 50 Millionen Impfstoffdosen von BionTech und noch einmal 100 Millionen zusätzlich im gesamten Jahr 2021. Es besteht also Hoffnung auf deutliche Beschleunigung beim Impfen. Und in der Pandemiebekämpfung sollte es hierzulande mit der geplanten Erweiterung des Infektionsschutzgesetzes zumindest bald mehr Klarheit geben. Nur so kann verhindert werden, dass der Dauer-Lockdown light uns endlos lähmt und eine wachsende Staatsverdrossenheit die demokratische Kultur in unserem Land und in Europa weiter beschädigt.  

 

Foto: Ulrike Niemann

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Jutta Heck (Freitag, 23 April 2021 06:59)

    Sehr guter Beitrag. Mein Mann ist seit Mitte Februar im Impfzentrum in Büdingen registriert. Seit dem hat er nichts mehr von dort gehört. Als ich letzte Woche versuchte, irgendjemanden zu erreichen, wurde ich an drei verschiedene Stellen verwiesen. Sehr freundliche Personen teilten mir mit, dass sie mir nicht weiterhelfen können. In der Zwischenzeit sind Freunde und Nachbarn, die sich zur gleichen Zeit dort regisitrieren ließen zweimal geimpft. Mein Mann hatte nun die Chance, sich vom Hausarzt impfen zu lassen.