Jutta Heck: Die Stimmung kippt

 

Die Stimmung kippt

 

Bisher war ich es gewohnt, mein Leben selbst zu bestimmen, zu tun, was mir Spaß macht, hinzufahren, wo ich wollte, Leute zu treffen, die ich mag. All das war für mich normal. Jetzt wird mein Leben von Corona bestimmt und ein Ende ist nicht abzusehen.

 

Die Nachrichten mag ich kaum noch ansehen, ich will nichts mehr hören von schleppenden Impfungen, fehlenden Schnelltests oder der Maskenaffäre, Neueröffnungen von Test-Centern, den ständig wechselnden Meinungen unserer Politiker oder einem Streit unter den Ministerpräsidenten, die alle ihr eigenes Süppchen kochen und der Kanzlerin in den Rücken fallen.  Schaue ich mir heute Morgen die Online-Nachrichten an, erfahre ich, dass Herr Laschet die K-Frage schnell geklärt haben möchte und ein Gespräch mit Herrn Söder sucht, die Reisebuchungen um 76 % zurückgegangen sind, die 7-Tage-Inzidenz steigt, die Intensivstationen sich füllen, die Testpflicht für Unternehmen kommen soll, die Landkreise gegen die Bundes-Notbremse sind. Keine einzige positive Nachricht.

 

Schlage ich die Lokalzeitungen auf sehe ich seitenweise Todesanzeigen. Ich frage mich, sind diese Menschen alle an Corona oder in Verbindung damit gestorben. Es sind nicht nur Todesanzeigen von alten Menschen, sondern auch von vielen jüngeren Personen. Die Bestatter klagen, dass viele Jüngere den Freitod wählen, weil sie die Belastungen nicht mehr aushalten.

 

Hier im Ort höre ich von Hausverkäufen. Keine Ahnung, ob das schon die ersten Anzeichen von wirtschaftlichem Ruin sind oder, ob die Hausbesitzer noch die Gunst der Stunde nutzen wollen, um noch einen fairen Preis für ihre Gebäude erzielen wollen. Denn sobald die ersten Firmen in Konkurs gehen, die Leute ihre Arbeit verlieren, wird der Markt von Hausangeboten überschwemmt werden und die Preise fallen.  Aber was soll man mit dem Geld machen? Negativzinsen zahlen und abwarten bis die Inflation den Geldwert senkt? Bevor mein Geld nichts mehr wert ist, lasse ich lieber mein Bad renovieren. Das bedeutet Dreck, Krach und Unruhe im Haus. Aber das ist mir egal, am Ende habe ich wenigstens etwas Neues, über das ich mich freuen kann.

 

Ansonsten ist es wirklich keine schöne Zeit, in der wir momentan leben. Ich vergleiche die Situation mit dem Wetter, das ständig wechselt, mal Sonnenschein, mal wolkenverhangener Himmel, Regen, Sturm und Schneeschauer, wobei das schlechte Wetter in den letzten Tagen zu überwiegen scheint, genau wie die schlechten Nachrichten.

 

Früher sind mein Mann und ich viel gereist. Wir haben viel von der Welt gesehen. Mein Mann hat oft mit mir geschimpft, weil ich während eines Urlaubs in fernen Ländern, schon wieder den nächsten Urlaub geplant habe. Aber ich habe damals schon immer gesagt, wer weiß, ob wir später noch in der Lage sein werden, zu reisen. Es könnte ja sein, wir sind krank oder haben kein Geld mehr oder noch schlimmer, wir dürfen nicht mehr reisen, aus welchem Grund auch immer. Mein Mann hat mich immer ausgelacht. Heute ist er froh, dass wir alle die Reisen gemacht haben du erfreut sich an den Erinnerungen. Denn wir werden nicht jünger und sind noch nicht geimpft. Mein Mann hat nun, endlich mal eine positive Nachricht, seinen ersten Impftermin am nächsten Mittwoch bei seinem Hausarzt. Vom Impfzentrum, wo er registriert ist, haben wir schon seit sieben Wochen nichts mehr gehört.

 

Ich muss noch warten, denn ich bin etwas jünger als mein Mann. Mein Mann darf dann demnächst nach dem Willen unseres Gesundheitsministers überall hingehen. Ich muss entweder warten oder mich in die Schlangen der Schnell-Tester einreihen.

 

Bisher habe ich alles gut ertragen und darauf vertraut, dass ein Ende in Sicht ist. Momentan fühle ich mich ehrlich gesagt etwas genervt und klammere mich an die Hoffnung, dass ich im Sommer ans Meer fahren darf. 

 

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