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Sigrun Miller: Test

Foto: Petra Ihm-Fahle
Foto: Petra Ihm-Fahle

Da ich meine Kinder in Darmstadt besuchen wollte, beschloss ich, mich vorher auf Covid-19 testen zu lassen. Zwar kann ich an mir keine Symptome irgendwelcher Art entdecken. Doch gibt es bisweilen eine gewisse Unlust über graue Himmel, nonstop Regen, geschlossene Geschäfte, die ich dringend heimsuchen müsste und ähnlich gesinnte Passanten mit herunterhängenden Mundwinkeln.

 

Also mache ich mich auf: Ich werde mir mit einem Stäbchen in der Nase puhlen lassen. Welcher Tag bietet sich an? Montag, Mittwoch oder Freitag? Ich entscheide mich für Freitag. So wie fünfzig andere Testwillige.

 

Start: Neun Uhr dreißig, ich erscheine schon um neun Uhr und parke in der ersten Reihe. Viele kommen zu Fuß, einige mit Kindern. Ab neun Uhr dreißig werden alle Schranken entfernt, ich stelle mich in die Schlange und fülle an einem entsprechenden Tisch einen Fragebogen mit meinen persönlichen Daten aus.

 

Die Schlange schiebt sich erstaunlich schnell vorwärts, binnen kurzer Zeit stehe ich vor dem Fenster im Johanniterwagen und freue mich, den Sohn einer langjährigen Freundin zu sehen, der mir den Fragebogen mit einem breiten Lächeln abnimmt und zu mir sagt: „Hallo, Sigrun, ich hoffe, es geht dir gut, obwohl Du hier vor mir stehst. Ich freue mich, dich zu sehen.“ Wir sprechen einen Moment über alte Zeiten, und ich wünsche ihm einen angenehmen Tag.

 

Am nächsten Fenster bittet mich ein anderer freundlicher, junger Mann, meine Nase ins Fenster zu strecken, dann führt er das Stäbchen nacheinander in jedes Nasenloch, um eine eventuelle Corona-Probe zu erwischen. Ich bedanke mich und werde belehrt, in zehn Minuten wiederzukommen und nach dem Ergebnis zu fragen. Der ganze Vorgang, mit Schlangestehen dauerte ungefähr zwanzig Minuten.

 

Ich begebe mich zurück zu meinem Auto und beobachte ankommende und sich entfernende Kandidaten. Erstere erscheinen leise und angespannt, die mit dem Ergebnisschein in der Hand gehen beschwingt und mit einem Lächeln im Gesicht zu ihrem Auto.

 

Meine Wartezeit ist vorbei, ich begebe mich zum Johanniterwagen, frage nach meinem Testschein und sehe in der Mitte ein fettgedrucktes N E G A T I V. Auch mir zaubert dieses Wort ein Grinsen ins Gesicht. Bald gehe ich wieder zum Testen.

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