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Rita H. Greve: Jahresbilanz

Im April vor einem Jahr schrieb ich meinen ersten Beitrag zu diesem Blog mit der Überschrift „Zuversicht“, ausgelöst durch eine kleine Geste der Menschlichkeit. Ein Blumentopf mit einer weißen Primel stand vor meiner Haustür mit einem Kärtchen, auf dem stand: „Haltet durch! – Viele Grüße“. Bis heute weiß ich nicht, wer diesen Blumengruß vor unsere Tür gestellt hat.   

Ein Jahr haben meine Tochter und ich nun durchgehalten, die erste und zweite Welle  überstanden und sind nun in der dritten. Noch sind wir beide gesund und hoffen, dass das auch weiterhin so bleibt mit den inzwischen aufgetauchten, viel ansteckenderen, tödlichen Varianten des ursprünglichen Virus.

 

Die große Hoffnung der Menschheit hat sich zwar erfüllt: Der Wissenschaft ist es tatsächlich gelungen, innerhalb eines Jahres Impfstoffe zu entwickeln und herzustellen (Biontech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca), und weitere folgen. 

Aber der Traum, der damit einherging, dass nun das Virus schnell bekämpft werden würde, verwirklichte sich nicht. Ernüchterung und auch die Wut auf die Fehlleistungen der Politiker ist groß. Der „langsame Tanker“ EU (Ursula von der Leyen) hat sich als großer Blockierer erwiesen. Dilettantische Verhandlungen mit den Impfstoffproduzenten haben dazu geführt, dass hierzulande viel zu wenig Impfstoff zur Verfügung steht und die Impfung der Bevölkerung nur schleppend vorankommt. Dazu kommt der Vertrauensverlust in den Impfstoff von AstraZeneca. Bis heute haben in Deutschland erst 10,75 % der Bevölkerung eine erste Impfung erhalten und 4,5% eine zweite.

Andere Länder wie Israel, Großbritannien, USA, etc. etc. haben seit Dezember fast die gesamte Bevölkerung geimpft.

 

Die Teststrategie – ebenfalls eine mittlere Katastrophe. Gesundheitsminister Spahn konnte sein Versprechen der flächendeckenden Testung nicht einhalten. Weder war die Logistik durchdacht noch standen ausreichende Tests zur Verfügung. Die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit ist in einer solchen Pandemie ein großes Hindernis, gar nicht zu reden von der unsäglichen Bürokratie.

Wir gleiten von einem halbherzigen Lockdown in den nächsten. Es gilt weiterhin Masken zu tragen, deren Nutzen am Anfang der Pandemie auch umstritten war – aber nur, weil es keine gab. Jetzt stehen endlich ausreichend Masken zur Verfügung, und das Tragen von FFP2-Masken ist obligatorisch, wie auch die Einhaltung der Hygieneregeln.

 

Politiker fassen nicht durchdachte Beschlüsse, die nach zwei Tagen widerrufen werden müssen ("Osterruhe"), und die Bundesländer machen sowieso was sie wollen, egal ob eine „Notbremse" vereinbart wurde oder nicht. Überall gelten andere Regeln. Niemand blickt mehr durch. Die Inzidenzwerte sind hoch, und einzelne Bundesländer wollen Lockerungen nach dem „Tübinger Modell" einführen: Testen, um dann bummeln, einkaufen und essen zu gehen. Das ist m. E. der falsche Weg oder um mit Karl Lauterbach zu sprechen: " Wir sind doch nicht bei Jugend forscht."

Wissen die Politiker eigentlich noch was sie tun? Sie scheinen, fernab der Wirklichkeit, in einer Art Blase zu leben. Die Bundeskanzlerin beruft sich wiederholt auf die Verfassung, nach der der Bund nicht im Alleingang handeln darf. Dabei hat sie einen Eid geleistet, der da lautet: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden . . . .   werde.“  Sie hätte längst Möglichkeiten gehabt, sich stärker durchzusetzen (z. B. Infektionsschutzgesetz). Eine Pandemie kann man nicht „aussitzen“ - Föderalismus hin oder her.

Man wünscht sich entscheidungsfreudige Politiker vom Kaliber eines Helmut Schmidt. Der fragte nicht lange, sondern handelte (Sturmflut in Hamburg 1962). Niemand hat sich hinterher über seinen Alleingang beklagt.

  

Ich kann nur hoffen, dass endlich die Impfung vorankommt, bevor die neuen Mutationen alles zunichte machen. Haltet weiter durch !

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