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Petra Ihm-Fahle: "Wenn die Lippen blau sind, Notarzt rufen"

Bild: Elf-Moondance auf Pixabay
Bild: Elf-Moondance auf Pixabay

Kürzlich las ich die Schilderungen Betroffener aus meinem entfernten Umfeld. Sie schilderten ihre Krankheitserlebnisse in einer von mir administrierten großen Bad Nauheimer Facebook-Gruppe. Ich fragte sie, ob ich ihre Erlebnisse in unserem Blog aufschreiben dürfe. Vier Personen sagten Ja. 

     

Von extremer Müdigkeit während ihrer Covid-19-Erkrankung berichtete eine 45-Jährige aus Usingen: „Ich habe fast zweieinhalb Wochen durchgeschlafen“, erzählte sie. Starke Atemnot habe sie gehabt, ein Weg von zehn Metern überforderte sie. Sie hatte Magen-Darm-Probleme, konnte weder essen noch trinken, litt unter Schwindel und Übelkeit. „An Tag 10 habe ich gedacht, den Tag überlebe ich nicht mehr. Ein Arzt sagte mir: ‚Wenn die Lippen blau sind, Notarzt rufen.‘ Ich stand alleine vor dem Spiegel und fragte mich sind sie blau oder nicht?“ Nachdem sich ihre Lage nach drei Tagen besserte, wurde ihr bewusst, dass die Lippen blau gewesen waren.

 

Da die Usingerin über Weihnachten und Silvester erkrankt war, sei es eine Herausforderung gewesen, die Ärzte zu erreichen. Wählte sie die Notfallnummer 116117, habe sie stets über eine Stunde in der Warteschleife verbracht.

 

„Ich habe meine Mutter infiziert, sie lag über zwei Wochen im Krankenhaus mit Beatmungsmaske“, erzählte sie weiter. Die 71-Jährige habe zwar nicht auf der Intensivstation gelegen, sei nicht künstlich beatmet worden, aber es sei kurz davor gewesen. „Ärzte hatten einige Tage nicht viel Hoffnung. Sie selbst wollte auch nicht mehr, weil man merkt, man erstickt fast und es wird nicht besser.“ Als die Mutter nach Hause kam, hatte sie einige Tage später eine Nierenkolik. „Nachdem das überstanden war, folgte eine Thrombose, mit der sie jetzt noch Probleme hat.“ Auch Vater und Bruder seien infiziert gewesen, beide mit einem leichten Verlauf wie bei einer Erkältung.

 

„Ich hatte mich im Büro infiziert, 80 Prozent waren zur gleichen Zeit ausgeknockt, von ganz leichten Verläufen bis zu welchen in meiner Art.“ Bis heute ist die 45-Jährige noch nicht 100-prozentig fit, es gehe aber schon viel besser. Eine Kollegin kämpfe bis heute noch mit dieser Müdigkeit.

 

Internet-Userin Barbara Elisa war ebenfalls betroffen. „Mit meinen zwei Töchtern hatte ich Corona, es war nicht schön. Meine jüngste Tochter war in fünf Tagen wieder fit.“ Bei Barbara Elisa dauerte es hingegen länger. Dank ihres gut trainierten Immunsystems sei ihre Lunge verschont geblieben, aber das Geschmacksempfinden sei nach vier Monaten immer noch nicht voll da.

 

Michael K., Arzt aus Bad Nauheim, erlebte seine Covid-19-Erkrankung in der Größenordnung einer ordentlichen Männergrippe. „Dazu hatte ich null Geruchssinn für circa drei Wochen – mittlerweile ist alles wieder gut“, berichtete der 60-Jährige. 

 

Andreas Sprek hatte kein Corona, erzählte aber von einer ernüchternden Impf-Erfahrung. „Ich wurde mit AstraZeneca geimpft – dann wurde eine Woche später der Impfstoff gesperrt. Mann, habe ich mir da Gedanken gemacht!“, bekennt der 39-Jährige, der in der Pflege tätig ist und im Mai zur zweiten Impfung muss. Als „kleiner Otto-Normal-Bürger“ habe er sich wie ein Versuchskaninchen gefühlt. Hätte er vorher von den Schlagzeilen gewusst, die dieser Impfstoff macht, hätte er sich nicht impfen lassen. Die Impfung vertrug er gleichwohl recht gut. „Ich hatte ein bisschen Kopfweh, mir war etwas mulmig zumute, aber ansonsten habe ich es gut überstanden.“ 

 

Auch wenn ich die Betroffenen nur von Facebook und nicht persönlich kenne, war die Krankheit durch die Erzählungen plötzlich sehr viel näher. Das macht nachdenklich.

 

Deshalb berührte es mich unangenehm, als gestern Abend im Netto-Markt gleich zwei Männer mit deutlichen Erkältungssymptomen einkaufen gingen. Einer sprang an der Kasse dicht an mir vorbei, um seinem Freund etwas aufs Band zu legen.

 

Solchen Leuten würde man gern ein paar Worte sagen; ich habe es draußen vor dem Geschäft auch probiert. Es war erfolglos: Der Mann schimpfte und hielt genervt seine Maske hoch, die er schließlich getragen habe. 

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Kommentare: 1
  • #1

    die Usingerin (Mittwoch, 31 März 2021 16:12)

    Danke für das Schildern.

    Genau was du schreibst ist das Problem, für viele ist das "weit weg" und deshalb glauben sie nicht daran. Ich habe immer an Covid geglaubt, aber dass es soooo schlimm ist, hatte ich bin zu meiner Erkrankung nicht gedacht. Ich hatte das erste mal im Leben das gefühl, das schaffe ich nicht.
    Und gestern in den sozialen Medien schrieb mir dann einer, klingt also alles nach einer normalen Erkältung bis leichte Grippe. Da sieht man, wie naiv viele Menschen sind.
    Hoffen wir, dass das Ganze bald ein Ende hat, und dieser Zwiespalt sich etwas legt.