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Antje Lilienthal: Zurück zur Besonnenheit!

 

Vor fast genau einem Jahr haben mein Mann und ich die Lesung des Buchs „Die Pest“ von Albert Camus gehört. Jeden Morgen vom 30. März bis zum 10. April präsentierte Wolfgang Tischer die Geschichte des Arztes Rieux. Gemeinsam mit einigen Weggefährten kämpft die Romanfigur in den 1940er-Jahren in der algerischen Küstenstadt Oran unermüdlich gegen die Pest und gegen die Bedrohung menschlichen Daseins. Der 1947 erschienene Roman eroberte im April 2020 in Frankreich die Bestsellerlisten. Eine Neuauflage im Internet war sofort ausverkauft.

  

Die Lektüre war eine Art, das Fassungslose zu verarbeiten. Viel mehr, so scheint es heute, vermochten wir in diesen Tagen auch nicht zu tun. Unser Land war wie viele andere Länder auch von heute auf morgen in Schockstarre versetzt. Alles wurde  darangesetzt, dem Corona-Virus zu trotzen: dem unsichtbaren und noch weitgehend unbekannten lebensbedrohlichen Feind. Wir lebten wie gelähmt. Stumm beugten wir uns den Anordnungen der Regierung. Alle Hoffnungen ruhten – wie bei Camus - auf der Medizin und der Wissenschaft. Christian Drosten avancierte mit seinem podcast auf NDR 2 im Nu zum Medienstar. Halb Deutschland lauschte seinen sympathisch und verständlich vorgetragenen, immer wieder auf den neuesten Stand gebrachten Erklärungen zu Aerosolen, Inkubationszeiten und Hygieneschutz.

 

Ein Jahr später: Die Pandemie ist geblieben; aber die Stimmung hat sich gedreht. Drosten wird wie andere Virologen und Mediziner angefeindet. Die Menschen wollen ihre Warnungen nicht mehr hören. Sie sind „coronamüde“. Viele wollen einfach nur „frei sein“ und reisen. Andere bangen um ihre Jobs, ganze Branchen kämpfen um ihr Überleben. Eine zunehmend ungeduldige Aufgeregtheit beherrscht die Debatte.

  

Unsere Politiker wirken seit Monaten wie Getriebene. Sie hangeln sich von Lockdown zur Lockerung und wieder zurück. Die Zeiten, in denen Virologen die Kanzlerin bei ihren Regierungserklärungen flankierten, sind lange vorbei. Die Zeiten der richtungsweisenden Geschlossenheit erst recht: Ohne Not nehmen die Länder immer wieder zurück, was sie tags zuvor in der Bund-Länder-Konferenz mit beschlossen haben. Mit der zuletzt geplanten erweiterten Osterruhe kippt nun die Kanzlerin selbst, was sie kurz zuvor gegen Ende einer 15stündigen Marathonsitzung durchgeboxt hat. Die letztendlich nicht durchsetzbare zusätzliche kontaktarme Zeit war ihr letztes, vermutlich verzweifeltes Mittel, gegen die steigenden Zahlen in der 3. Pandemiewelle anzukämpfen. Geschuldet ist dieser Irrweg dem Druck, wo immer nur möglich zu lockern, obwohl die Inzidenzwerte steigen und die Impfkampagne noch nicht greift. Die Politik will gerade im Wahljahr nicht tatenlos zusehen, wie die Zustimmung zu ihrer Corona-Politik zunehmend bröckelt. So tut sie aus epidemiologischer Sicht wiederholt zu wenig. Die meisten  Virologen warnen vergeblich.

 

Leider kommen mir viele Unzufriedene vor wie drängelnde Kinder, die nicht warten können. Und manche Regierungsvertreter aus Bund und Ländern wie hilflose Eltern, die versuchen, sich mit haltlosen Versprechungen und sinnlosen Verboten durchzuwursteln. Dem Virus wird’s gefallen. Denn herauskommt auch, dass nur jeder fünfte Deutsche sich über Ostern an die Kontaktregeln halten will, wie das Meinungsforschungsinstitut Forsa berichtet.

  

Manchmal wünsche ich mir zumindest die Besonnenheit von vor einem Jahr zurück: Eine Rückkehr der Demut und eine Rückkehr des Respekts vor den Erkenntnissen der Wissenschaft. Nicht zuletzt eine Dankbarkeit für ihre Erfolge. Wer hätte im Frühjahr 2020 zu hoffen gewagt, dass es ein Jahr später nicht nur Antigen-Tests, sondern auch hoch wirksamen Impfstoff in nennenswertem Umfang geben würde? Vor einer Woche sind die Biontech-Gründer und Entwickler des neuartigen mRNA-Impfstoffs Özlem Türeci und Ugur Sahin von Bundespräsident Walter Steinmeier mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Sahin rief die Deutschen dazu auf, sich auch der 3. Pandemie-Welle gemeinsam entgegenzustemmen. Und er hatte Tröstliches zu sagen: „Wir sind zwei Drittel des Weges schon gegangen.“ Wenn nicht für unsere Politiker, so sollten wir doch für Wissenschaftler  wieder klatschen.

 

Foto: Ulrike Niemann

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Ursula Luise Link (Freitag, 26 März 2021 11:45)

    Liebe Antje,
    du schreibst
    "So tut sie (die Bundesregierung) aus epidemiologischer Sicht wiederholt genau das Falsche. Die Virologen warnen vergeblich."
    Eine solche Aussage setzt voraus, dass einzelne Kommentatoren bzw. "die Wissenschaft" genau und - in allem gleicher Meinung - wüssten, was aus epidemiologischer Sicht richtig und was falsch ist. Und dass es "die Virologen" gibt, die allesamt die gleichen Auffassungen vertreten.
    Ich nehme das eigentlich anders wahr - und finde das in Ordnung, weil es in einer pluralistischen Demokratie "normal" ist.

  • #2

    Antje (Samstag, 27 März 2021 13:09)

    Liebe Ursula,

    vielen Dank für den Hinweis. "genau das Falsche" ist wohl in der Tat etwas überzogen. Es wird aber leider viel zu wenig getan. Die Zahlen steigen und steigen. Und weitaus die meisten Wissenschaftler warnen seit längerem. Heute (Samstag) wieder vehement. Ich ändere meinen Text gerne entsprechend.

  • #3

    Dorothea (Samstag, 27 März 2021 17:03)

    Also jetzt mische ich mich auch mal ein: Fakt ist doch, dass die Politik in den letzten Wochen ein wahrhaft klägliches Bild abgibt und nichts in die Reihe bekommt: Erst fehlen Masken (und im Hintergrund werden sie per schmutzigem Deal zu Höchstpreisen von CSU/CDU-Politikern verschachert, und man verdient sich ein schmutzig-lukratives Zubrot damit, siehe: Nüsslein und Co), jetzt fehlen immer noch Tests und Impfseren. Aber die Kinder schickt man zur Schule, ohne jeden Schutz zunächst, und bis heute ist es kaum möglich, sie und ihre LehrerInnen regelmäßig zu testen und sorgt dafür, dass sie und ihre Eltern unbehelligt nach Mallorca fliegen können, weil man es sich schließlich nicht mit TUI und Co verderben will. Und wenn die als Einzige nach wie vor gepamperten Wirtschaftsbosse aufheulen, nimmt Frau Merkel ihre eigenen Entscheidungen kleinlaut zurück und bittet das Volk um Verzeihung. Das ist ja schlimmer als jeder Groschenroman! Die Warnung der Virologen hat man nie wirklich ernst genommen, sondern probiert es seit einem Jahr mit faulen Kompromissen und einer Schacher-Preispolitik rund ums Serum und ist noch nicht einmal in der Lage, den Bürgern die Gründe für seltsame Entscheidungen zu erklären, weil man selbst, wie der Hesse sagt, "nix Genaues net" weiß. Das Ganze ist peinlich, fahrlässig und für uns alle lebensbedrohend. Und nun wird das kommen, was die Virologen schon im vergangenen Jahr empfahlen: Die mehrwöchige Quarantäne für alle. Warum sollen sich übrigens Wissenschaftler in allem einig sein? Entscheidend ist doch, was unterem Strich rauskommt, und das ist hier in wesentlichen Punkten der Fall. Nur die Politik, die spielt da nicht mit.