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Jule Heck: Frühlingsboten

Foto: Jule Heck
Foto: Jule Heck

 

Eigentlich müsste ich mich freuen. Mein Fuß ist geheilt. Mein Orthopäde war zufrieden mit den Röntgenaufnahmen von den Knochen, die wieder zusammengewachsen sind. Seit einer Woche darf ich wieder mit Schuhen laufen, was schon relativ gut geht. Aber mein linker Fuß ist immer noch etwas geschwollen, sodass ich nur ein einziges Paar Sportschuhe anziehen kann. Ich würde mir ja gern ein zweites Paar kaufen, dass mir das Laufen erleichtert, aber in den Schuhgeschäften muss man jetzt einen Termin machen und dazu habe ich keine Lust. Denn ich habe schon eine Menge anderer Termine für Physiotherapie.

 

Als ich diese Woche meine Gehhilfen in das Orthopädiegeschäft zurückbrachte, lief ich, wenn auch langsam einmal die Einkaufsstraße hoch und runter. Ich war erschrocken, wie viele Geschäfte da mittlerweile leer standen. Die Bekleidungsgeschäfte boten ihre Winterware zu Spottpreisen an, doch um in ein Geschäft zu gelangen, hätte ich mich anstellen müssen. Auf der Straße standen Leute in Gruppen zusammen und diskutierten. Im Vorbeigehen konnte ich ein paar Wortfetzen aufnehmen. Es ging um Corona und um das Impfchaos.

 

Mein nächster Gang führte mich in einen großen Lebensmittelmarkt. Der Parkplatz war ziemlich voll. Mit viel Glück bekam ich dennoch eine Parklücke in der Nähe des Eingangs. In dem Laden herrschte Hochbetrieb. Ich sah Kunden mit Einkaufswagen, die bis obenhin gefüllt waren. Waren die schon wieder am Hamstern? Waren sie verunsichert wegen der hohen steigenden Infektionszahlen? An den Kassen hatten sich lange Schlangen gebildet. Ich wartete geduldig. Was sollte ich auch sonst tun? Nach einer Weile fiel mir das Stehen schwer. Mein Fuß begann zu schmerzen. Ich war froh, als  ich endlich wieder an der frischen Luft war und fuhr frustriert nach Hause.

 

Wenn das in Zukunft so weitergeht, dann macht es keinen Spaß, in die Stadt zum Einkaufen zu fahren. Ich hatte ja die Hoffnung, dass sich vor Ostern alles wieder etwas normalisieren würde. Aber leider sagen die Zahlen etwas anderes. Wir sind schon mitten in der dritten Welle. Die Sondersendungen schaue ich mir schon gar nicht mehr an, stelle mich gedanklich aber schon auf den nächsten Lock Down ein. Meinen gebuchten Urlaub im Juni und September, immerhin nur in Deutschland, werde ich wahrscheinlich nicht antreten können. Denn bis dahin bin ich wahrscheinlich nicht einmal geimpft.

 

Mein Mann hatte eine Registrierung, den Termin sollte er nach zwei Wochen erhalten. Jetzt, nach immerhin vier Wochen, erhielt er heute ein Schreiben vom Hessischen Innenministerium mit der Bitte, sich noch etwas zu gedulden. Na prima! Wer weiß, wie lange ich noch auf einen Impftermin warten muss. Ich denke, es wird noch an die zwei Jahre dauern, bis hier alles wieder in geordneten Bahnen läuft, und dann müssen wir uns wahrscheinlich jährlich impfen lassen.

 

Ich würde ja wenigstens gern an die frische Luft gehen, doch da macht mir das Wetter ständig einen Strich durch die Rechnung. Es ist saumäßig kalt und sehr windig. Entweder es regnet oder es schneit - wie gestern Abend. Meinem Dackel macht das auch keinen Spaß, und so begleite ich ihn nur in den Garten, wo sich immerhin ein paar Frühlingsboten blicken lassen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Oliver Perthen (Sonntag, 21 März 2021 02:51)

    Hallo Jule,
    wie immer sehr schön geschrieben und auf den Punkt gebracht.
    Vielen Dank für Deinen Beitrag.
    Gruß Oliver.