Antje Lilienthal: Ein offenes Ohr

 

Meine Freundin Lea muss gerade das erleben, was für jeden von uns ein Albtraum ist. Ihr betagter Vater ist an Covid-19 gestorben. Sie hat ihn bis zuletzt zu Hause gepflegt. Dabei war sie selbst positiv. Jetzt hat sich auch noch die Katze das Virus eingefangen, und die Kontaktsperre wurde noch einmal verlängert. Lea ist über Wochen mit dem Verlust ihres Vaters, ihrer eigenen Krankheit und nun auch noch mit der Sorge um die Katze ziemlich alleine. Keiner kann sie in die Arme nehmen und trösten, keiner mit ihr die Vorbereitungen für die Bestattung treffen oder sie selber umsorgen. Dass es Lea so hart trifft, ist besonders tragisch. Wegen schwerer Schicksalsschläge in ihrer Familie neigt sie zu Depressionen.

  

Auch jenseits von Krankheit und Tod geht es den Menschen in der nun seit einem Jahr vorherrschenden Pandemie psychisch zunehmend schlechter, wie verschiedene internationale Studien feststellen. Der Ausnahmezustand beschert ihnen zusätzliche  Belastungen und verwehrt ihnen das gewohnte Auftanken im zwischenmenschlichen Bereich. Die einen quälen Existenzängste, die anderen Überforderung durch Homeoffice und Homeschooling. Alleinlebende fühlen sich noch einsamer als ohnehin schon; Betriebsame plötzlich ausgebremst, Trauernde und Kranke in Schmerz und Sorge allein gelassen. „Es entsteht chronischer Stress für eine breite Bevölkerungsschicht“, konstatiert Ulrike Lüken, Professorin für Psychotherapie an der Berliner Humboldt-Universität. Dank ihrer seelischen Widerstandskraft überstehen viele Menschen diese Zeit einigermaßen und finden Lösungen für eine schwer erträgliche Situation. Bei anderen Menschen sind Pandemie und Lockdown „ein wichtiger Treiber für neue psychische Störungen oder Rückfälle“, so Lüken.

  

Professionelle Hilfe bei psychischen Problemen zu bekommen, war schon immer mit langen Wartezeiten verbunden. Jetzt, wo die Probleme oft drängender sind als zuvor, sind diese noch erheblich länger geworden. Laut dem Deutschen Psychotherapeutenverein ist die Menge der durchschnittlichen wöchentlichen Patientenanfragen im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 40% gestiegen. Die Hälfte der Hilfesuchenden muss länger als einen Monat auf ein Erstgespräch warten, auf einen Behandlungsplatz warten 38% der Anfragenden länger als ein halbes Jahr.

  

Über diesen Missstand wird relativ wenig gesprochen. Kummer, Leid und Einsamkeit spielen sich auch in der jetzigen Krise im Verborgenen ab. Es fehlt an staatlichen Auffanglösungen für Menschen, die kurz- oder längerfristig in seelische Not geraten sind oder denen auch nur zeitweise ein Ansprechpartner fehlt, damit sie nicht in Not geraten.

  

Meine Freundin Lea hat Gott sei Dank ein paar Freunde, mit denen sie regelmäßig telefoniert und holt sich Unterstützung bei einer Trauergruppe. Sie wüsste nicht, wie sie ohne diese Kontakte den Tag überstehen sollte, erzählt sie. In Bad Nauheim hat die Nachbarschaftshilfe ein Plaudertelefon eingerichtet. Hier geht es eher darum, den verordneten Kontaktnotstand zu überbrücken. Am Plaudertelefon können sich die Menschen über das austauschen, was sie bewegt. Die jeweiligen Telefonpartner werden einander nach Interessengebieten zugeordnet. Das Angebot wird sehr gut angenommen und soll auch weitergeführt werden. Damit kann vielleicht auch vermieden werden, dass es überhaupt zu psychischen Störungen kommt. 

  

Hut ab vor diesen ehrenamtlichen Initiativen. Hier wird jenseits von Zahlen über Neuinfektionen, Inzidenzrate und R-Faktor Mitmenschlichkeit gelebt. Was ist wichtiger als das, um durch eine recht trostlose Zeit zu kommen?

 

Foto: E. Wegner

 

 

 

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