Rita H. Greve: Pandemiemüdigkeit

Es gibt Menschen, die bleiben an roten Ampeln stehen - auch wenn kein Auto kommt und es mitten in der Nacht ist. Psychologen nennen das intrinsische Motivation. Andere bleiben nur stehen, wenn ein Auto kommt oder ein Polizist in der Nähe ist, das nennt man extrinsische Motivation. Im zweiten Corona-Jahr befürchtet der Marburger Psychologe Ulrich Wagner, dass die intrinsische Motivation der Menschen stark nachlässt. Man kann eben nicht immer und überall kontrollieren.

Nach Monaten von Einschränkungen hätten die Menschen das Gefühl, dass sich an der Lage ohnehin nichts ändert, egal wie sie sich verhalten. "Man nennt das gelernte Hilflosigkeit". Darauf gebe es drei mögliche Reaktionen: "Ich werde depressiv, ich werde aufsässig oder ich lasse es laufen." Alle drei Reaktionen seien bereits zu beobachten, sagt Wagner. Er glaubt, dass sich alle drei noch verstärken werden.

 

Die komplizierten Regeln, die in der vergangenen Woche verabschiedet wurden, bergen zusätzlich die Gefahr, dass die Menschen überfordert sind. Lockdown-Verlängerung bei gleichzeitigen Lockerungen - das sende mehrdeutige Botschaften. Auch Epidemiologen halten die Bund-Länder-Beschlüsse für ein falsches Signal an die Bevölkerung. Lockerung in den Einstellungen können größere Folgen haben als die Regeln selbst. Das vereinbarte regionale Vorgehen sei zwar psychologisch und politisch verständlich, "epidemiologisch sei es kurzsichtig".

 

Eine Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn die Menschen bereit sind, sich freiwillig an die Regeln zu halten. Das setzt voraus, dass man von den Regeln überzeugt ist. Es ist nicht anzunehmen, dass das beim Thema Corona noch bei allen der Fall ist. Die Menschen schaffen es, sich an die Corona-Regeln zu halten, wenn sie schwere negative Folgen für sich selbst befürchten. Doch dieses Motiv tritt gerade in den Hintergrund. Was die Menschen sehen ist, dass die Zahl der Todesfälle sinkt.

Außerdem neigt die Politik dazu, die Verantwortung immer mehr allein auf das Individuum zu schieben. Der Mensch spürt den Vorwurf: Wenn es nicht besser wird, habt ihr euch nicht an die Regeln gehalten. Damit zieht sich der Staat aus der Verantwortung, zum Missfallen der Menschen.

Selbsteinschränkung, um andere zu schützen, funktioniert auch nur bis zu einem gewissen Grad und scheint mittlerweile aufgebraucht. Die Angst vor der Krankheit nimmt zusehends ab, die Menschen werden nachlässiger und schränken auch ihre Mobilität kaum noch ein.

Nach und nach wird die Krankheit einfach ignoriert werden. Die Menschen werden – wie bei der Grippe – lernen, mit der Krankheit zu leben. 

 

 

 

Quelle: dpa/wma

Foto: marclou, pixabay

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