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Dagmar Reichardt: Weltfrauentag

Ich hätte es nicht gedacht: Der heutige Weltfrauentag dreht sich in diesem Jahr komplett um Corona. Seit ich schreibe, hatte ich schon einige Male die Gelegenheit, einen Blogbeitrag zum Weltfrauentag zu schreiben. Da ging es um die Chancen von Frauen und Mädchen in der Welt. Meist ganz weit weg von uns. In diesem Jahr finde ich zwar viele Artikel, aber es geht praktisch immer um uns selbst. Ich kann das gar nicht kommentieren, spüre nur deutlich, dass uns die Pandemie und ihre besonderen Herausforderungen stark beeindruckt haben. So stark, dass der Blick nicht mehr an den Horizont reicht.

Sie sind überrepräsentiert und unterbezahlt – noch immer verdienen (wir) Frauen nicht das gleiche Gehalt wie Männer auf gleicher Position. Das alleine ist ein Fakt wie aus einem vergangenen Jahrhundert und trotzdem noch nicht verschwunden. Schauen wir auf die Geschlechterverteilung, dann sind es oft genau die Frauen, die in den typischen systemrelevanten Berufen arbeiten. Wie auch schon in Jahrhunderten davor.

 

Im vergangenen Jahr haben sie, die Frauen in unserem Land und weit darüber hinaus, ihren Job gemacht – unter Umständen, die sich niemand von uns hätte vorstellen können. Sie haben gleichzeitig ihre Familien seelisch, moralisch, emotional über Wasser gehalten. Sie haben Sport- und Musikvereine ersetzt, waren ihren Kindern Lehrerin, Coach(in), Vorleserin und Freundin. Schon beim Auflisten weiß ich, dass ich die Hälfte vergessen habe. Da mussten kreative Spiel- und Wochenendprogramme gefunden werden. Während sie sich gleichzeitig in digitale Sitzungsprogramme und Arbeiten im Home Office umstellten, musste das Essen für die Woche geplant, eingekauft und gekocht werden. Es musste geputzt und aufgeräumt werden in Wohnungen, Apartments und Häusern, in denen plötzlich neben Freizeit und Familienleben Homeschooling und Homeoffice stattfanden. Jeden Tag und jedes Wochenende. Und während sie versucht haben, all diese Bälle in der Luft zu halten und keinen fallen zu lassen, diskutieren wir noch über eine genderfreie Sprache, suchen wir nach der richtigen Darstellung von FreundInnen, Kolleg*innen und Partner:innen – und sind doch immer noch sowas von weit weg von einer Gleichheit.

 

An vielen Stellen lese ich, dass wir in alte Rollenbilder zurückrutschen. Selbst die Bundeskanzlerin hat das formuliert. Macht sich denn irgendjemand Gedanken, wie es Frauen in diesen Doppel-, Dreifach- oder Vierfachrollen geht? Wenn ich meine persönliche Umwelt so anschaue, in meiner Generation ebenso wie in der kommenden, dann haben wir uns die Freiheit zu arbeiten doch durch institutionelle Unterstützung von Kitas, Ganztagesschulen und anderen Betreuungsangeboten erarbeitet. Und genau die sind jetzt alle weggefallen in der Corona-Zeit. Ist es da ein Wunder, dass wir jetzt wieder alles selbst machen?  Vielleicht müssten wir die Männer mal an die Schreibfeder setzen, damit sich diejenigen zu Wort melden, die Teil dieses Wandels sind. Die es nicht den Frauen allein überlassen, das Familienleben zu managen, Wir dürfen nicht aufhören, für unsere Werte und Bedürfnisse einzustehen. Solidarisch und gemeinsam.

  

Und jetzt weiß ich wieder, warum wir diesen Weltfrauentag immer noch – und immer wieder brauchen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Antje Lilienthal (Montag, 08 März 2021 19:36)

    Danke,dass Du die enorme Leistung der betroffenen Frauen in dem nun fast einjährigen Ausnahmezustand so deutlich benennst und die notwendige Solidarität - gerade an diesem Punkt - der Männer einforderst