Jule Heck: Wie mein Dackel

 

 

Am Dienstag war ich endlich beim Friseur. Was für eine Erlösung. Ich konnte mich zum Schluss wirklich nicht mehr sehen. Die Haare waren mittlerweile Schulterlang und hingen mir beim Zähneputzen und essen ständig im Mund. Egal, ob ich sie mit einem Haarreif zurücksteckte oder mit Klämmerchen an den Seiten befestigte, ich sah immer unmöglich aus. Der Ansatz war längst dunkel rausgewachsen und mittlerweile machten sich auch graue Strähnen bemerkbar.

 

Ich wurde meinem Dackel immer ähnlicher. Man sagt ja, dass Menschen mit der Zeit ihren Hunden ähneln, vor allem, wenn man so lange der gleichen Rasse treu geblieben ist. Mein Vater hatte diese niedlichen Tierchen gezüchtet und ich habe schon im Laufställchen mit den süßen Vierbeinern gespielt. Ich spielte als Kind auch nicht mit Puppen, sondern mit meinen Dackeln und fuhr sie auch im Puppenwagen spazieren. Sie haben mich schon mein ganzes Leben lang begleitet und um es mit Loriot zu sagen: Ein Leben ohne Dackel ist möglich, aber sinnlos. Auch meinen Mann konnte ich davon überzeugen, dass ohne dieses süße Wesen gar nichts geht und mittlerweile haben wir den fünften Dackel. Unsere Töchter haben sich ebenfalls so ein niedliches Tierchen zugelegt.

 

Nun, wie ein Dackel auszusehen, ist ja gar nicht mal so schlimm, aber ich konnte mich wirklich nicht mehr im Spiegel ansehen. Und obwohl mir meine Facebook-Freunde versicherten, dass ich immer noch gut aussehe, nahm ich mir vor, falls der Friseur wider erwarten nicht öffnen sollte, mir eine Glatze zu schneiden. Denn meine bunte Mütze, unter der ich den Wildwuchs auf dem Kopf mitunter verstecken wollte, war auch keine Lösung. Mit der Mütze war es mir zu warm und obendrein kratzte mich die Wolle.

 

Ich hatte noch nie so sehr einen Termin beim Friseur herbeigesehnt, wie dieses Mal. Die Friseuse empfing mich freundlich, geleitete mich zu meinem Platz und entschuldigte sich sogleich dafür, dass sie mir nichts zu trinken anbieten dürfe. Auch eine Zeitung konnte sie mir nicht bringen. Das war auch gar nicht schlimm, denn ich schaute mit Begeisterung zu, wie nach dem Waschen die Wolle vom Kopf fiel und ein dickes Büschel Haare am Boden zurückließ.

 

In dem 40 Quadratmeter großen Raum waren die Friseuse und ich in einer Ecke und eine weitere Friseuse mit einer weiteren Kundin in einer anderen Ecke. Natürlich trugen wir alle eine Maske, die Sitzecken waren mit Plastiktrennscheiben abgegrenzt, und bevor ich den Salon betreten hatte, hatte ich selbstverständlich meine Hände desinfiziert. Mein Mann musste draußen warten, bis ich fertig war. Dann musste ich den Raum verlassen und mein Mann trat ein. Alles klappte reibungslos und ich fragte mich, warum die Friseursalons die ganze Zeit geschlossen bleiben mussten, genau wie einige Einzelhändler, die es prima steuern könnten, wie viele Kunden gerade das Geschäft betreten.

 

Ich kann das ganze Konzept der Verantwortlichen nicht wirklich nachvollziehen, zumal ständig jeder etwas anderes sagt. Ich kann dabei keine einheitliche, sinnvolle Lösung erkennen. Ich möchte jedoch nicht falsch verstanden werden. Ich bin kein Corona-Leugner oder Pandemie-Verschwörer. Ich mache auch alles mit, was hilft, dieses Virus zu bekämpfen bzw. von mir fern zu halten. Doch bitte, liebe Politiker, zieht doch alle mal an einem Strang. Hier blickt ja keiner mehr durch. Wie sagen wir hier auf dem Land, rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln

 

Mal ist ein Impfstoff nicht so geeignet für die über 65jährigen, jetzt wird er auf einmal wie Sauerbier angeboten. Schön ist es auch zu hören, dass wir uns zu sehr auf die EU verlassen haben und oh Wunder, in einigen Ländern die Menschen mittlerweile schon fast durchgeimpft sind. Ich bin mal gespannt, wie es nun weitergeht. Ich habe mir die Haare vorsichtshalber mal so kürzen lassen, dass ich es notfalls eine ganze Weile aushalte, bis ich wieder meinem Dackel ähnele. Das Schlimme ist nur, jetzt braucht der Dackel einen Friseur.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0