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Nina Elflein: Steine auf dem Weg

Foto: Nina Elflein
Foto: Nina Elflein

Diese Pandemie setzt die Steine meines Lebensmosaiks neu. Gefühlt, bleibt kein Stein auf dem anderen. Manche Steine habe ich mir im vergangenen Jahr intensiv angeschaut. Der ein oder andere wurde aussortiert. Steine werden gedreht und wieder eingesetzt. Auf meinem Weg liegende Steine betrachte ich nun anders. Steine kommen neu hinzu. So habe ich zum Beispiel während der ersten Schulschließung über eine Weiterbildung nachgedacht. Jetzt während der zweiten Schulschließung habe ich tatsächlich eine der ersten Prüfungen abgelegt. Die Pandemie ist für mich eine Zeit voll Veränderungen.

 

Es mag aber auch an meinem Alter liegen. Vielleicht wäre ganz ohne Corona jetzt ohnehin eine Zeit der Veränderungen, und doch passen sie gut in eine Krise. Wortwörtlich. Immerhin leben wir derzeit in einer schwierigen bisweilen vielleicht sogar gefährlichen Lage, in der es um Entscheidungen geht, um Veränderungen in einer Krise.

 

Da ist noch etwas, das ich an mir beobachte. Ich achte genauer auf die Bedeutung von Begriffen. Ich schaue mir an, wann und wie sie eingesetzt werden, ganz gleich ob von Menschen in meinem direkten Umfeld, von mir oder in den (sozialen) Medien. Dabei bin ich sehr feinfühlig, bisweilen sogar hellhörig. Neben „Perspektive“ ist für mich der Begriff „Freiheit“ sehr wichtig geworden. Hin und wieder staune ich darüber, was andere Menschen augenscheinlich als „Freiheit“ ansehen. Zugegeben, manchmal gleite ich mit meinem Staunen direkt in die Fassungslosigkeit. Nämlich genau dann, wenn Menschen ihr Bedürfnis nach „Freiheit“ ohne soziale Verantwortung denken. Obwohl „denken“ vielleicht wieder nicht gut gewählt ist. Das ein oder andere Gebaren ist wohl eher als „trotzen“ zu bezeichnen. Aber ich will jetzt gar nicht anfangen abzuwerten.

 

Das ist einer der neuen Steine. „Bewerten“. Er hat sich noch nicht ganz eingefügt. Ich hatte ihn schon ein paar Mal in der Hand und darüber nachgedacht. Wie ist das mit dem Bewerten? Ist das hilfreich? Oder Unruhe stiftend? Ich habe den Stein mehr als einmal gedreht. Er hat sich noch nicht ganz eingefügt. „Bewerten“. Konkret heißt das, je nachdem, wie wir die Maßnahmen während der Pandemie bewerten, bilden sich neue Gruppen. Und ich habe den Stein zu den vielen anderen gelegt. Er hat scharfe Kanten. Zwischen Menschen, die sich vor Corona als Gruppe erlebt haben, bilden sich bisweilen Fronten. Er hat sich noch nicht ganz eingefügt. Manchmal macht mich das traurig und aus dem Wunsch der Vermeidung habe ich gedacht: „Lasst uns aufhören zu bewerten. Damit treiben wir uns auseinander.“ Aber das geht natürlich nicht. Wir kommen aus dem Werten und Bewerten gar nicht heraus. Mittlerweile denke ich auch, dass es gar nicht gut wäre, wenn wir damit aufhörten. Vielleicht ist aber der Ansatz nicht ganz optimal. Also habe ich den Stein wieder aufgenommen. Er hat sich noch nicht ganz eingefügt. Ich habe ihn wieder gedreht und gewendet, um neues zu denken. Ich habe überlegt, was anders sein könnte:

  

Angenommen Du und ich. Angenommen "wir" gehen unterschiedlich mit dieser Pandemie um. Dann ist das vor allem anderen doch erst einmal eine Feststellung. Wenn wir da nicht anfangen zu werten, sagten wir nicht gleichsam, der eine handele richtig und somit der andere falsch. Erst einmal hätten wir vor allem eines, wir hätten einen Unterschied zwischen uns festgestellt. Womöglich löst das ein Gefühl aus. Wenn unser „wir“ ein uns Nahegehendes ist, löst das mit Sicherheit ein Gefühl aus. Dann ist in dem „wir“ ein Gefühl von Unsicherheit. In solchen Momenten lege ich den Stein wieder aus der Hand und denke, wenn jeder für sich sein eigenes Gefühl anschaute. Von mir aus auch Pandemie unabhängig, gerne auch bei banal scheinenden Dingen. Wenn Du und ich, wenn wir uns in einem verbindenden oder auseinandertreibenden Moment jeder mal nur sein Gefühl fühlt. Ohne den anderen in Bezug auf das eigens empfundene Gefühl zu bewerten? Was könnte sich ändern? Was könnte sich ändern, wenn wir nicht die Entscheidung oder das Verhalten des anderen bewerten, sondern das, was wir dadurch fühlen? Fühlt sich das gut an? Warum? Warum nicht? Darüber könnten wir ins Gespräch kommen. Ohne den oder das uns Außenstehende da mit reinzuziehen. In unser Gefühl. Der Stein hat sich noch nicht ganz eingefügt. Aber ich werde ihn behalten und noch ein wenig drehen und wenden, bis er einen festen Platz hat. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Wolf (Montag, 01 März 2021)

    Gut gesagt Nina. Ich denke wir können gar nichts bewerten, wir können es nur befühlen. Bewertung wird überbewertet, zumal die meisten Bewertungen gekauft sind (Produktbewertungen) Menschen die behaupten: "Ich bewerte das ganz objektiv". Haben die Angst zu fühlen?