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Sigrun Miller: Szegediner Gulasch

Bild: Katharina Klinski auf Pixabay
Bild: Katharina Klinski auf Pixabay

In der Nachkriegszeit wurde Hausbesitzern, die über mehr Wohnraum verfügten, als für die Familie nötig war, ein Flüchtling zugewiesen, der für eine niedrige Miete und einen gewissen Zeitraum eine Bleibe erhielt.

 

Zu uns, in ein Zimmer im oberen Stockwerk, zog eine ältere Dame. Sie besaß einen Koffer und mehrere gerahmte Fotos. Was uns Kinder an dieser Situation am meisten beschäftigte, war ihre Sprache. Sie war mit einem deutschen Mann verheiratet gewesen, der im Krieg gefallen war, und sie hatte einen Sohn, der nun auf dem Balkan im Bürgerkrieg kämpfte.

 

Ihre Heimat war Siebenbürgen, und wenn sie ab und zu mit unserer Mutter in der Küche bei einer Tasse Kaffee saß, erzählte sie von ihrem schönen fernen Land, das sie so sehr vermisste. Mein Zimmer war neben der Küche, und meine Ohren wurden immer größer, wenn sie in ihrem „bräiten“ ungarisch gefärbten Deutsch sprach. Ich höre heute noch ihre Worte, als sie meiner Mutter erzählte, dass sie am Vortag ein Spaziergang in den Park geführt hatte: „Woar ich gegangen auf der Luft.“

 

Ab und zu lud unsere Mutter sie zum Mittessen ein, besonders dann, wenn sie sich ein Gericht ihrer Heimat wünschte, wie das uns gänzlich unbekannte Szegediner Gulasch. Wir waren alle begeistert von diesem köstlichen Mittagessen. Es bestand aus: Gepökeltem Schweinefleisch, Sauerkraut,  Paprikapulver und viel Sahne in der Soße. Dazu gab es Kartoffeln. Und zum Nachtisch wurden wir mit Schokoladenpudding und Vanillesoße verwöhnt. Wir Kinder konnten den Namen dieses begeisternden Mahls nicht aussprechen und erfanden dafür den Begriff „Segelgulasch“.

 

Unsere Mitbewohnerin verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Näharbeiten in der Nachbarschaft.  Sie war außerdem eine begeisterte Astrologin und sagte auf Wunsch einer kleinen Klientel die Zukunft voraus. Nach wenigen Jahren wurde ihr eine kleine, erschwingliche Wohnung angeboten, und sie zog in die Stadtmitte. Wir besuchten sie hin und wieder und freuten uns mit ihr über den neuen Lebensabschnitt. Unsere Mutter war glücklich, wenn sie bei ihr etwas Positives über die Zukunft unseres großen Bruders erfuhr, denn die Sterne logen nicht.

 

Ab und zu lasen wir in der Zeitung einen Artikel über den erfolgreichen Oratorienverein, in dem unsere  Mitbewohnerin nun eine neue Aufgabe als Sängerin gefunden hatte. Ich denke gerne an diese Zeit zurück. Die Kriegszeit war vorbei, jeder hatte etwas verloren, man half sich in der Not und wenn die Situation es erforderte. Es gab neue Ziele.

 

Heute gibt es das aussichtslose Corona.

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