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Antje Lilienthal: Frühjahrserwachen

Das Frühjahr lockt (zu früh). Und es gibt kein Halten mehr. Die Leute wollen raus. Der Einzelhandel will Geld verdienen. Die Kinder in die Schule gehen. Die Künstler auf die Bühne. Die Autoren wollen lesen. Die Großeltern mit ihren Enkeln tollen. Die bayerischen Wirte ihre Biergärten öffnen. Alles nur zu verständlich: Auch uns zieht es raus aus Bad Nauheim. Ich habe gerade einen Urlaub im Juni gebucht, vorsichtshalber nur auf Usedom. Vorsichtshalber im Hinterland. Vorsichtshalber mit Stornomöglichkeit. Denn wir wissen nicht, wie das Virus sich verhält und ob die Impfkampagne schnell genug vorankommt.

  

Anders offenbar als der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Der war am Dienstag auf einer eiligst anberaumten Pressekonferenz zu geplanten Corona-Lockerungen in Bayern schon mal optimistisch: „Das (schöne Wetter) hat uns schon letztes Jahr bei der Corona-Bekämpfung geholfen.“ Er verband seine Feststellung mit der Hoffnung auf den Beschluss von Lockerungen bei den Bund-Länder-Gesprächen kommende Woche. Im baden-württembergischen Nachbarland rieb man sich angesichts der plötzlichen Geschäftigkeit in Bayern die Augen und warnte vor Shoppingtourismus zu den Baumärkten, die dort am 1. März schon wieder öffnen dürfen.

 

Was die Ursache für die bajuwarische Kehrtwende ist, lässt sich nur vermuten. Eine spürbare Verbesserung des Infektionsgeschehens ist es jedenfalls nicht, wie Staatskanzlei-Chef Florian Herrmann eingestand. Und auch den traurigen Spitzenplatz auf der Corona-Hitliste macht den Bayern keiner streitig. Eher lassen niederschmetternde Umfragewerte für Markus Söder (von 71 % auf dem Höhepunkt der 1. Pandemiewelle auf aktuell 48 %) einen Rückschluss auf den Richtungswechsel zu. Jedenfalls versteckte sich der bayerische Ministerpräsident -- seit nun fast einem Jahr das Gesicht der Corona-Bekämpfung -- bei der Pressekonferenz erstmals hinter seinen Ministern. So musste er nicht erklären, wie er binnen zehn Tagen vom No Covid-Anhänger zum -- wenn auch differenzierten -- Lockerungs-Vorreiter werden konnte. Mit solchen Volten leicht verbundenes  Missgeschick überlässt er lieber Armin Laschet. Der hatte nur wenige Tage nach den letzten Bund-Länderbeschlüssen, an denen er selbst beteiligt war, verlauten lassen: „Man kann nicht immer neue Grenzwerte erfinden, um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet.“ Ein derber Seitenhieb auf Angela Merkel. Die Kanzlerin hatte sich wegen der Corona-Mutanten auf die Senkung des 7-Tages-Inzidenzwertes von 50 auf 35 pro 100 000 Einwohner als Messlatte für weitere Lockerungen stark gemacht und durchgesetzt. Laschet, in den besten Absichten sich im Schaukampf für die CDU-Kanzlerkandidatur zu profilieren, fügte seinem Unsinn noch ein unstimmiges Verständnis von Populismus hinzu: „Populär ist, alles verbieten, streng sein, die Bürger behandeln wie unmündige Kinder.“ Seine Einlassungen kamen in der Öffentlichkeit (außer bei der FDP) gar nicht gut an. Man darf gespannt sein, was wir in diesem Wahljahr sonst noch alles von unseren Politikern zur Corona-Bekämpfung hören werden. Gestern meldete sich schon als Nächster der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier auf einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in Fulda mit einem kräftigen "Die Leute haben die Schnauze voll" zu Wort und sprach sich für eine immerhin "vorsichtige" Öffnung der Läden aus.  

 

Leider fragt das Virus nicht danach, ob wir die Nase voll haben. Christian Drosten warnt wie andere Virologen angesichts zunehmenden gesellschaftlichen Drucks vor unbedachten Lockerungen. Zwar sinke mit dem derzeitigem Impfprogramm die Sterblichkeit, nicht aber die Zahl der Neuinfektionen. Hoffen wir, dass das politische Frühjahrserwachen kein jähes Ende hat.

 

  

 

Foto: Antje Lilienthal

 

 

 

  

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christina Ponto (Sonntag, 28 Februar 2021 17:20)

    Super Beitrag. Den Nagel auf den Kopf getroffen.
    Nur steht man ratlos zwischen den Türen, was geht und was sollte man lieber bleiben lassen!?