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Dagmar Reichardt: Den Spiegel vorgehalten.

Ein Film im Fernsehen. Sonntags: der Tatort. Erst vor Kurzem wurde ein Tatort kritisiert, weil er nicht „coronakonforme“ Szenen enthielt. Auf der Polizeistation war eine Infekt-Welle ausgebrochen, die KollegInnen niesten und husteten. Und gingen nicht nach Hause. Trugen auch keine Masken. Für uns nach einem Jahr Corona-Regeln inzwischen eine undenkbare Situation.

 

Gestern verhielt sich das Ganze anders. Der Tatablauf fand in Corona-Zeiten statt, es wurden – teilweise – Masken getragen, ein Einzelhändler war pleite gegangen, war wohnungs- und obdachlos und hauste unerkannt in seinem ehemaligen, jetzt leerstehenden Ladenlokal. Das ganze Szenario entwickelte sich zu einer sich mehr und mehr selbst aus den Angeln hebenden Gesellschaft. Die einen, die die Verhaftung eines „Ausländers“ für eine überzogene Aktion einer „sowieso“ rechts einsortierten Polizei hielten, versammelten sich zu einem wütenden Mob und wurden von „Politikern auch noch angefeuert. Die, die dagegen Sturm liefen und sich linksseitig zuhause fühlten, drückten mit ähnlichen Mitteln dagegen. Die Polizistin, die das ohne ihr Wissen ausgelöst hatte, wurde zur Gejagten.

 

Mir gruselte es mehr und mehr. Nicht, dass ich den Tatort in seiner Spannung nicht aushalten konnte, nein. Mich schauderte es, weil dieses Szenario sich so real anfühlte. Und weil wir uns gerade erst mit dem ersten Jahrestag des Hanauer Anschlags bewusst gemacht hatten, welche schrecklichen Blüten das treiben kann.

  

Ich frage mich, welches Übel bekämpfen wir gerade mit dem Lockdown und welches beschwören wir damit herauf. Gefühlt sind es mehrere Übel, die sich fast unerkannt anschleichen. Die Kommissarin noch im Ohr, die sich traut, den aufgewühlten Demonstranten entgegenzutreten: „Hört weg, macht nicht mit. Lasst Euch nicht einfangen.“  Mut braucht es. Für uns als Einzelne wie in der gesamten Gesellschaft. Und Zusammenhalt.

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