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Jule Heck: High Heels

Foto: Jule Heck
Foto: Jule Heck

 

High Heels

 

Nun sind schon wieder drei Wochen seit meiner Fuß-OP vergangen. Aber richtig laufen kann ich immer noch nicht. Ich muss noch viel ruhen und erst in drei Wochen darf ich den Fuß langsam wieder belasten. Bis dahin muss ich mich noch mit Krücken behelfen oder mich langsam mit einem Gehschuh fortbewegen, was allerdings sehr anstrengend und mitunter auch schmerzhaft ist. Auf jeden Fall kann ich jetzt gut nachvollziehen, wie es ist, wenn man ein Handicap hat. Man muss sich jeden Schritt zweimal überlegen und man kann froh sein, wenn man jemanden hat, der einem hilft.

 

Ich bin gespannt, wie es dann sein wird, wieder mit der ganzen Fläche des Fußes aufzutreten. Eins ist auf jeden Fall jetzt schon mal klar, High Heels werde ich wohl keine mehr tragen können. In Zukunft darf ich nur noch flache Schuhe mit Einlagen tragen, obwohl mein ganzer Schrank voll ist mit schönen Absatzschuhen. Da steht ein kleines Vermögen, das ich nur noch betrachten und in Erinnerung schwelgen darf. Na gut, wie heißt es so schön, alles hat seine Zeit.

 

Gestern hat mir mein Orthopäde den 10 cm langen Draht entfernt, der in meinem Knochen steckte und meinen Zeh begradigen sollte. Ich hatte ein bisschen Bammel davor, weil ich dachte, es könnte wehtun. Hinsehen konnte ich auch nicht, aber gemerkt habe ich nichts. Auf einmal war der Draht draußen. Schon das Fädenziehen hatte sich letzte Woche unproblematisch vollzogen.

 

Das Ergebnis ließ sich sehen. Der Orthopäde war zufrieden und bot mir an, den Draht als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Er ist ein lustiger Vogel und meinte scherzhaft, den Draht könnte ich doch sicher am Sonntag als Rouladen-Piekser gebrauchen. Ich bedankte mich für das Angebot und bat ihn, den Draht zu behalten, fragte ihn aber gleich darauf, ob er gern in meinem nächsten Krimi vorkommen wolle. Er lachte und lehnte dankend ab, erklärte seinen Arzthelferinnen, dass ich Krimis schreibe und man aufpassen müsse, was man sage. Wie gesagt, er ist ein lustiger Vogel und macht es seinen Patienten leicht.

 

Heute war ich nun, nach meiner selbstgewählten Quarantäne, das erste Mal mit meinem Mann in der Stadt zum Einkaufen. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, bei schönem Wetter mal etwas zu flanieren, andere Gesichter zu sehen, neue Eindrücke zu gewinnen. Enttäuscht kehrte ich nach Hause zurück.

 

Die Stadt war fast leer. Die paar Leute, die uns begegneten, alle maskiert, eilten schnell vorbei. Was soll man auch in der Stadt, wenn alle Läden geschlossen sind. Ich befürchte nur, dass viele Läden auch nach der Lockerung nicht wieder öffnen werden. Das Stadtbild wird sich verändern und zwar nicht unbedingt zum Vorteil. Wer weiß, ob es dann noch Spaß macht, durch die Stadt zu schlendern und sich schließlich am Ende des Einkaufsbummels in ein Cafe zu setzen.

 

Da ich keine Schwarzseherin bin, vertraue ich darauf, dass es nicht so schlimm kommt und man auch mal wieder Bekannte trifft, die dann stehen bleiben und ein Schwätzchen halten oder man sich auf einen Kaffee trifft. Aber es wird noch einige Zeit lang dauern, bis sich alles entspannt hat. Eines ist mir gewiss, wenn nichts dazwischen kommt, ich nicht über meine Krücken stürze und mir noch irgendetwas breche, dann kann ich, wenn im Sommer hoffentlich die Straßencafes und Eisdielen, Pizzerien und Restaurants wieder geöffnet haben, wieder richtig laufen, eben nur nicht in High Heels.

 

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