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Nina Elflein: Hunger. Aber worauf?

Foto: Nina Elflein
Foto: Nina Elflein

Ich habe da so einen Hunger, aber ich kann nicht klar sagen auf was. Das ist kein Essenshunger. Obwohl ich ihn manchmal als Lust auf Schokolade interpretiere, zumindest am Abend. Wenn ich ihn tagsüber spüre, greife ich eher zum Smartphone und schaue, ob da eine Nachricht ist. Ich schaue öfter als gut ist bei Twitter rein. Vermutlich weil ich mich ablenken will. Aber die in meiner Timeline vorherrschenden Themen sind derzeit Rassismus und COVID19. Sättigend ist das nicht. Ich empfinde das eher als zermürbend und vermutlich wird uns dieser in den Medien performte und von Menschen mit Verschwörungsmentalität zelebrierte Rassismus viel länger beschäftigen als COVID19.

 

Dabei fand ich Twitter mal super lustig und sprachgewandt. Zumindest in meiner Timeline, keine Ahnung, wie das bei den anderen war. Aber ich weiß noch, wie ich vor Jahren auf dem Kindergartenparkplatz laut anfangen musste zu lachen, weil ich kurz bei Twitter reinschaute und las:

 

"He's a cool guy. His name is 'two beers'."

"Two beers?"

"Yes, it's a german name!"

"Ohh! Tobias!"

 

Mir fehlt der Sprachwitz und auch die Luft dafür. Ich kann ja nicht einfach die ganze Zeit Robert Gernhardt lesen. Obgleich ich hin und wieder „eng, rigide, irgendwie nicht gut“ denke und auf den Lippen habe. Der Vers ist manchmal wie ein Anker. Wenn ich in einer schweren Situation bin und eben diese oder das Verhalten eines Menschen so „eng, rigide, irgendwie nicht gut“ finde, kann ich mich in Gedanken an den Hass auf das Sonett, im Sonett erfreuen. Meine Situation bleibt trotzdem schwer, lediglich mein Umgang mit ihr verändert sich, weil ich mich erleichtere. Aber ich will den Vers nicht abnutzen und Pandemie bedingt verheizen. Ich brauche da mehr als das Sonett. Letztens habe ich dann mal mit Gedanken gespielt und mir vorgestellt, wie das sein wird.

 

Wie wird das sein, wenn wir auf das Jahr 2020/2021 zurückschauen?

 

In meiner Vorstellung bin ich dann voller Anerkennung und Respekt für mich, weil ich die Kinder und mich da gut durchgebracht habe. Weil ich mich trotz all der erlebten Unsicherheiten in der Krise und dem Wunsch nach Gewissheit nicht zu Verschwörungsmythen habe hinreißen lassen. Weil die Kinder und ich trotz des vielen Beieinanderseins und Aufeinanderhängens, es geschafft haben, uns nicht einfach nur auszuhalten, sondern auch echte Nähe zu erleben. Weil ich, müde und allein, die Kinder immer wieder für ihre Schulaufgaben motivieren konnte, obwohl ich am liebsten selbst an etwas gearbeitet hätte. Weil die Kinder und ich das zusammen durchlebt haben und zusammen auf die Zeit zurückblicken und wissend nicken, durchatmen und sagen:

Was war das für eine Zeit.

Sechs kleine Wörter, die wir und auch Du dann sagen können, mit ganz eigenen Gedanken und Erinnerungen auffüllen und die Gewissheit haben, dass das hinter uns liegt.

 

Gerade denke ich mir, dass ich Hunger auf Zuversicht habe. Weil ich nicht einschätzen kann, wann die Rückschau und das Durchatmen und die Unbeschwertheit beginnt. Weil ich den Eindruck habe, dass viele Menschen sich gerade emotional nicht sättigen können, vielleicht auch die Hoffnung verlieren.

 

Wenn Hoffnung das Stichwort ist, welches Sprichwort hast Du dann im Kopf?

 

Ja. Genau. Aber Vielleicht habe ich auch einfach Hunger auf Veränderung. Immerhin ist eine Krise per Definition die Zeit für Veränderungen. Warum nicht auch alte Sprichwörter ändern? Wie wäre es mit:

 

Die Hoffnung nicht sterben lassen.

Sie an die Hand nehmen und sagen: Komm Liebes, wir gehen.

 

Und mag der Weg noch so steinig sein.

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Kommentare: 4
  • #1

    Caroline (Montag, 01 Februar 2021 13:51)

    Sehr wahr, liebe Nina. Mein Gedanke für diese Zeit ist : Lerne ruhig zu bleiben. Nicht alles verdient eine Reaktion. �

  • #2

    Wolf (Montag, 01 Februar 2021 15:42)

    Hi Nina,
    danke für Deine Gedanken.
    Auf jeden Fall mal wieder und dann ab und an Robert Gernhardt lesen.

    Ich schau mir gerne Videos auf Youtube an. Menschen die Gitarren bauen, oder Kanus oder kleine einfache Holzhäuser.
    Das ist schön, aber richtig satt macht es nicht....

    Zumindest werden die Tage wieder l ä n g e r

  • #3

    Ulrike (Mittwoch, 03 Februar 2021 14:02)

    Es ist Dir wieder gelungen, Empfindungen und seien Sie noch so schwer zu beschreiben, in einen wunderschönen Text zu fassen. Danke !

  • #4

    Daniel (Sonntag, 07 Februar 2021 20:44)

    Hey Nina, wieder mal schön geschrieben. Ich muss ehrlich sagen, dass mich Worte der Bibel satt machen. Das was Jesus gesagt hat und der Glaube daran hat mich die letzten Jahre immer wieder getragen und tatsächlich auch innerlich satt gemacht. Ich musste beim lesen direkt an dieses Lied hier denken: https://www.youtube.com/watch?v=ZJBjvtQa3eI und an diesen Bibelvers: Johannes 4:14 / LUT
    wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.