· 

Antje Lilienthal: Unbehagen

„So geht`s nicht weiter“, sagte eine gute Bekannte, als es den fünften Tag in Folge regnete und der Lockdown wieder einmal verschärft worden war. Eigentlich ist sie immer guter Dinge und gewinnt allem Unbill noch etwas Positives ab. So kaufte sie sich ein filigranes Städtepuzzle, in das sie sich stundenlang vertiefte.

 

Im Vergleich zu vielen anderen geht es ihr wie mir während der Pandemie wirklich gut. Trotzdem ist meine Langmut allmählich etwas strapaziert. Manchmal habe ich das Gefühl, ein Stück Lebenszeit geht verloren – so viel davon habe ich mit 65 Jahren nun auch nicht mehr. Wann werde ich wieder mit meinen Langlaufskiern Spuren durch den Schnee ziehen können? Vor einem Jahr hatten mein Mann und ich den ersten Winterurlaub abgesagt, jetzt den zweiten. Wann kann ich endlich meine Geschwister in Norddeutschland besuchen, meiner Nichte persönlich zur Hochzeit gratulieren und meine Großnichte auf der Welt begrüßen? Die kleine Franka ist Ende September zur Welt gekommen. Bald wird sie fünf Monate alt. Fast ein halbes Jahr, in dem ich sie noch nicht gesehen habe. Den geplanten Oktoberbesuch hatten wir wegen erster Einschränkungen im Herbst-Lockdown abgesagt. Bis Weihnachten sollten auch größere Familientreffen wieder möglich sein, hoffte ich und nahm mir vor, an den Festtagen eine kleine Rundreise durch die Verwandtschaft zu starten. „Lieber nicht“, sagten wir dann angesichts immer weiter steigender Infektionszahlen und Todesfälle. „Ostern wird es besser sein. Dann haben wir mehr davon“. Immerhin sollten ja bald die ersten Impfungen starten. Dann verschleppte sich der Prozess, zu wenig Impfstoff war geordert, Liefertermine wurden abgesagt. Noch ansteckendere Varianten des Virus tauchten auf. Ostern sei die Pandemie sicher nicht vorbei, warnte Christian Drosten, stellte aber eine bessere Sommerzeit in Aussicht.

 

Auch das nahm er vor einigen Tagen gegenüber dem „Spiegel“ zurück. „Wenn die alten Menschen und vielleicht auch ein Teil der Risikogruppen geimpft sein werden, wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden.“ Schlimmstenfalls würden dann im Frühjahr und auch noch im Sommer die Neuinfektionszahlen auf 100 000 täglich hochschnellen. Gleichzeitig warnte er vor immer wieder neuen Varianten.

 

Allmählich beschleicht mich das Gefühl, dass es gar keine Entspannung geben wird. Jedenfalls nicht auf absehbare Zeit. Allmählich begreife ich, was es bedeutet, mit dem Virus zu leben. Ob Weihnachten, ob Ostern oder im Sommer: Unbeschwert werde ich gar nicht zu meiner Familie nach Norddeutschland oder in den Winterurlaub reisen. Ganz zu schweigen davon, dass auch andere Bedrohungen wahrscheinlich zunehmen werden: vom Aufruhr durch Corona-Leugner bis zur Verschärfung der Klimakatastrophe. Das Unbehagen wird bis auf Weiteres mein Begleiter sein.

 

 

 

Foto: Antje Lilienthal

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Ute Ernst (Donnerstag, 18 Februar 2021 16:02)

    Liebe Antje,
    das Unbehagen vom 29. Januar ist noch immer aktuell. Höre, lese und/oder informiere ich im Fernsehen dieser Tage, so beschleicht mich das Gefühl, dass die Einschränkungen uns das ganze Jahr noch begleiten werden...
    Auch ich habe objektiv keinen Grund, mich zu beklagen, aber dennoch werde ich auch den Eindruck nicht los, dass ich wertvolle Lebenszeit verliere. Ich muss mich dann selbst zu mehr Ruhe und Gelassenheit ermahnen, was nicht immer gleich gut gelingt. Hilfreich ist daher dein Text, denn er spiegelt ein mir nur zu gut bekanntes Lebensgefühl wider. Ich fühle mich verstanden.
    LG Ute