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Dagmar Reichardt: Die Wand

Wenn mich jemand nach meinem Lieblingsbuch fragt, antworte ich immer sehr selbstverständlich: Die Wand. Von Marlen Haushofer. Lange bevor es den Film dazu gab, hatte mich dieses Buch über das Leben einer Frau, die durch eine plötzlich auftauchende, unsichtbare Wand von der Zivilisation abgeschnitten wird, in seinen Bann gezogen. So intensiv wie selten ein anderes Werk hatten mich diese außergewöhnliche Beobachtungsgabe, diese persönlichen Empfindungen und Begebenheiten der Ich-Erzählerin eingefangen.  

 

Heute, in diesem ein ums andere Mal verlängerten Lockdown und den erneut auferlegten Kontaktbeschränkungen, erinnere ich mich an diese Gefühlswelt, die die Schriftstellerin so eindrucksvoll beschrieben hat, in ihrem Buch. Die Wand. Abgeschnitten von allem; von anderen Menschen und der Umwelt, genau so fühlt sich diese Zeit gerade an. Selbst wenn ich, hinter meiner Maske in Sicherheit, durch den Supermarkt renne, um nicht zu viel Zeit dort zu verbringen, schaue ich kaum auf und nehme meine Mitmenschen viel entfernter und anonymer wahr als vor dieser Zeit.

 

Ist es nicht gerade jetzt, als wären wir alle wie durch eine Wand voneinander getrennt?

 

In der Familie, mit meinen Eltern, meiner Schwester, meinen Kindern, haben auch wir eine virtuelle Meeting-Software für uns entdeckt. So kommen wir manchmal zusammen, jeder an seinem PC oder Laptop, teilweise Hunderte Kilometer auseinander und doch für ein paar Minuten vermeintlich zusammen. Wir starren auf den Bildschirm, wollen die Nähe förmlich einsaugen und genießen das Lachen, die kurzen Momente der Gemeinsamkeit. Kaum sind die 40 Minuten vorüber, ist der Schmerz fast größer als vorher. Als hätte dieses „Meeting“ die Sehnsucht nach Nähe noch größer gemacht. Und, obwohl wir uns sehen und uns gegenseitig beteuern, das alles ganz ok ist, und wir ja zufrieden sein müssen, denn wir sind ja gesund, trennt uns eine unsichtbare Wand.

  

Die Wand. Ein faszinierendes Buch. Ich werde es jetzt noch einmal lesen, habe es gerade für den Beitrag wieder aus dem Regal geholt. Vielleicht kann ich von der Hauptfigur noch etwas lernen. Wie sie ihr Leben meistert, wie sie nicht kaputt geht an der Ruhe, den fehlenden menschlichen Kontakten, den Berührungen und Umarmungen. Mit der Katze, der Kuh, dem Fuchs. Jetzt, vor dem Hintergrund der Pandemie und dem Lockdown, bekommt diese Geschichte eine ganz neue Tragweite.

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Kommentare: 1
  • #1

    Antje (Montag, 25 Januar 2021 18:56)

    Da empfiehlst Du uns das richtige Buch zur richtigen Zeit. Soweit ich mich an die Lektüre dieses großartigen Buchs erinnern kann, finde ich die Vergleiche, die Du ziehst, sehr treffend.