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Jule Heck: Mein Terminkalender

Foto: Jule Heck
Foto: Jule Heck

Wenn ich so in meinen Kalender schaue, sehe ich fast nur leere Seiten. Und die wenigen Termine, die da noch vorhanden sind, muss ich fast alle streichen. Einige wenige Videokonferenzen bleiben übrig.

 

Ich hatte mich für Anfang Februar schon beim Friseur und der Fußpflege angemeldet. Doch leider kann ich auch diese Vorhaben vergessen. Ich getraue mich gar nicht, mich für die zweite Februarhälfte irgendwo anzumelden.

 

Ich befürchte, dass der Lockdown, auch wenn die Zahlen für die Neuinfektionen im Moment fallen, verlängert wird. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir bis Ostern zu Hause bleiben müssen. Einen Urlaub, auch später im Jahr, zu planen, macht keinen Sinn für mich. Bis ich geimpft werden kann, vergeht noch eine lange Zeit. Und wenn wir in Zukunft nur noch ausgehen, an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen dürfen, wenn wir geimpft sind, dann werde ich vermutlich noch bis zum nächsten Jahr daheim bleiben müssen. Schöne Aussichten.

 

Wenn ich mir nun vorstelle, dass das mutierte Virus immun ist gegen den gerade entwickelten Impfstoff und ein weiteres Medikament gefunden werden muss, dann verlängert sich die Wartezeit weiter. Ich bin kein Mensch, der immer alles nur schwarz sieht.  Auch im Moment kann ich für mich durchaus gute Seiten am Lockdown erkennen.

 

Ich kann erstmals morgens ausschlafen, in Ruhe mit meinem Mann frühstücken, dabei die Zeitung lesen und meinen Kaffee genießen. Ohne Stress kann ich meinen Tag verbringen, einkaufen und spazieren gehen, lesen und fernsehen.  Mein Dackel freut sich, dass ich so viel Zeit mit ihm verbringe, und mein Mann freut sich, dass wir ohne Störung essen können. Zudem ist er begeistert über die vielen guten Rezepte, die ich ausprobiere und die Unmengen an Kuchen, die ich neuerdings backe. Das ich dabei etwas zugenommen habe, stört keinen von uns.

 

Eigentlich könnte alles so schön sein, doch wenn ich mir ausdenke, dass diese Situation jetzt noch mehrere Monate anhält, bekomme ich schon etwas Angst. Irgendwann ist alles gesagt, habe ich mal alle gesammelten Rezepte ausprobiert, habe alle Bücher gelesen, die ich schon immer lesen wollte, alle Filme gesehen, die ich schon immer sehen wollte und meine Umgebung bis auf den letzten Stein erkundet.

 

Dann wird sich die Langeweile einschleichen. Ich fühle mich, als wäre ich schon Rentnerin. Dabei bin ich noch drei Jahre davon entfernt und hatte mir diese Zeit auch etwas anders vorgestellt, Doppelkopfspielen mit meinen Freundinnen, ausgehen, im Café sitzen und Leute beobachten, einem Straßenmusikanten zuhören, reisen, wandern, Leute treffen, über Märkte schlendern und frisches Obst und Gemüse kaufen.

 

 

All das könnte ich jetzt schon machen, wenn ich nicht dazu verdammt wäre, die meiste Zeit des Tages in meinen vier Wänden zu sitzen. Das Einzige, was mich tröstet, ist die erfreuliche Tatsache, dass ich gesund bin und hoffe, es auch zu bleiben. Ich arbeite daran, damit ich hoffentlich all das tun kann, was ich mir für meine Zeit als Rentnerin vorgenommen habe. Dafür habe ich ja noch drei Jahre Zeit.

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Kommentare: 1
  • #1

    Angelika Dietrich (Freitag, 22 Januar 2021 20:57)

    Liebe Jule,
    dein Beitrag spricht mir aus der Seele.
    Beim lesen kamen mir sofort Bilder zum Vorschein. Deine wunderschöne, intime Lesung im Teichhaus Bad Nauheim, eine Lesung bei dir zu Hause und nicht zu vergessen die Wanderungen. Auch das alles fehlt mir unendlich.
    Aber wir bleiben positiv!!