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Antje Lilienthal: Glatteis

 

Wir können es nicht lassen. Das winterliche Weiß lockt uns aus dem Corona-Grau der Stadt hinaus auf den Winterstein. Kleine Freuden - mit Mühen erschlossen und mit Vorsicht genossen. Vom Forsthaus geht es steil hinauf, bis sich oben die herrliche Winterwelt vor uns auftut. Das Herz hüpft vor Freude, so kenne ich Winter aus meiner Kindheit. Und so erleben wir sie jedes Jahr im Winterurlaub in den Bergen. Die Kindheit ist vorbei: Die Winter stellen sich in unseren Breitengraden kaum noch ein und Winterurlaub wird auch 2021 nicht möglich sein. Ski- und Rodelgebiete sind geschlossen. Der Andrang ist zu groß, also auch die Ansteckungsgefahr. Hier auf dem Winterstein ist in der Woche nicht viel los, ein paar Wanderer, ein paar Familien mit Schlitten und jubelnden Kindern.


Schade, dass sie diese Winterfreuden nur noch selten werden erleben dürfen, schießt es mir durch den Kopf. Die Welt ist eine andere geworden. Der Klimawandel zeitigt zu einem großen Teil irreparable Folgen. Wir erleben so heiße und trockene Sommer, dass der Wald vor unseren Augen stirbt. Das winterliche Weiß hier oben bedeckt Kahlschläge ungeheuren Ausmaßes. Fichten und Buchen fehlt in den letzten Jahren so viel Wasser, dass sie einfach absterben oder Borkenkäfer und Stürmen nicht mehr standhalten können. Mir hat es hier und anderswo im Sommer die Tränen in die Augen getrieben. Jetzt rutschen wir auf vereisten Wegen und unser Gleichgewicht ist so fragil wie die Natur um uns herum.


Das Corona-Virus ist wohl nur der vorläufige Höhepunkt der Schäden, die der Mensch in seinem ausbeuterischen Umgang mit der Natur angerichtet hat. Wenn das nicht endlich aufhört, wenn Menschen immer weiter in die Lebensräume von Tieren vordringen, werden Viren und ihre Varianten uns immer häufiger aufsuchen, warnt die Wissenschaft. Dann helfen wahrscheinlich auch Impfstoffe nicht viel weiter, wie sich jetzt schon abzeichnet. Kaum ist ein Impfstoff da, ist das bedrohliche Virus schon mutiert. Und bis die Impfstoffe entsprechend weiterentwickelt sind, besteht Gefahr für Gesundheit und Leben.


Wenn wir die ökologische Wende nicht schaffen, rutschen wir wohl endgültig auf Glatteis.


Foto: Inge Schillo

 

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