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Nina Elflein: Die Schuldebatte

Foto: W. Hertler
Foto: W. Hertler

Komm, lass uns ein Spiel spielen. Ich liefer Dir ein Zitat und Du schreibst mir als Kommentar, welche*r aktuell amtierende Politiker*in das in den letzten Tagen gesagt haben mag.

 

„«Was mich am meisten beschwert, ist nicht der ökonomische Schaden durch den Lockdown, sondern der massive Schaden in der Bildung unserer Kinder durch die geschlossenen Schulen.» Darunter litten vor allem die Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien. «Das ist meines Erachtens die größte Herausforderung in und nach der Pandemie.»“

 

Und ich schreibe Dir von meiner Wut, die ich beim Lesen spüre und wie ich bei den Zeilen einfach nur dachte:

 

„Wow. Was ist das für ein scheinheiliger Dreck?“

 

Also nicht, dass die Aussage grundsätzlich falsch sei. Aber irgendwie ist sie nicht richtig und knirscht zwischen den Zähnen wie Sandkuchen vom Spielplatz. „Dreck reinigt den Magen“, willst Du mir jetzt vielleicht sagen. Aber ich will einfach nur antworten: „Nicht diese Art von Dreck!“ und überlege, wo ich zuerst anfangen soll:

 

1. Schule ist für meine Kinder viel mehr als eine Bildungseinrichtung. Meine Kinder gehen nicht mit dem Ziel in die Schule binomische Formeln oder Präpositionen zu lernen. Sie wollen ihre Freunde sehen. Klar lernen meine Kinder auch in der Schule und am Besten, wenn sie mit Freunden lachen und erleben können – auch Inhalte aus dem Unterricht. Aber die Kinder erleben doch keinen massiven Schaden in der Bildung, wenn sie aufgrund einer Pandemie keinen Frontalunterricht erhalten. Sie leiden vielmehr daran, dass sie ihre Freunde nicht sehen und nicht zusammen lachen können.

 

2. Die erste Schulschließung war im März 2020. Das ist fast ein Jahr her. Und wo bitte schön, sind die seither erarbeiteten Konzepte, um Unterricht an die Anforderungen einer Pandemie anzupassen und entsprechend gestalten zu können? Gibt es von offizieller Seite überhaupt irgendwelche Konzepte? Hygienekonzepte zählen nicht!

 

Von einem Lehrer in der Schweiz habe ich einen Beitrag mit dem Titel „Was ist Hybridunterricht und wie beginnt man damit?“ entdeckt und ich finde das sehr anschaulich und ich wollte dem Kultusministerium Hessen den Link weiter leiten, aber die haben nicht einmal einen Twitter Account. Vielleicht schicke ich morgen eine Taube los?

 

3. Dass besonders Kinder aus „sozial schwachen und bildungsfernen Familien“ unter der Schulschließung litten, treibt mir gleich ein bisschen Kotze in den Hals. Die Annahme ist für mich schwer auszuhalten, weil ich weiß, dass „jedes fünfte Kind in Deutschland“ in Armut aufwächst. Dass bedeutet gleichsam, dass Kindern aus finanziell schwachen Haushalten durch das Teilhabe- und Bildungspaket ein warmes Mittagessen in der Schule oder im Hort bekommen. Mit der Schulschließung ist dieses warme Mittagessen aber nicht mehr sicher, weil die soziale Leistung nicht an die besondere Pandemie Situation und Schulschließung angeglichen wurde und die Bezuschussung zum Mittagessen einfach wegfällt. Und? Hast Du jetzt auch ein bisschen Kotze im Hals? Oder diskutieren wir jetzt über die Differenzierung „sozial“ und „finanziell schwach“?

 

4. Das obige Zitat soll als Argument dienen, um die schnellst mögliche Schulöffnung herbeizurufen. Und das ist eine weitere Frechheit. Wenn sich die Schuldebatte seit der ersten Schulschließung auch nur einmal um die Bildung gedreht hätte, dann wären doch entsprechende Konzepte erarbeitet worden, um die Bildung während der Pandemie zu gewährleisten. Mir hat die Pandemie gezeigt, dass die Schuleinreichtung aus politischer Sicht lediglich als Betreuungseinrichtung gesehen wird, damit die Eltern ihrer Erwerbsarbeit nachgehen können. Von wegen Bildung.

 

Und dann ist das noch dieser letzter Punkt, über den ich mich ärgere.

 

5. Vielleicht kennst Du ja schon das Zitat und weißt wer das geäußert hat. Auf das „wer“ reagiere ich besonders ärgerlich und vielleicht schmeckt die Aussage nach meinem Empfinden deswegen wie Dreck, weil ich der Person nicht glaube.

 

Für jetzt aber bin ich erste einmal gespannt, wem Du die Aussage andichtest. Gerne kannst Du mir auch schreiben, wie Du die Aussage liest. Hier findest Du auf jeden Fall die Lösung und den dazugehörigen Artikel. Schummeln gilt nicht.

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Kommentare: 5
  • #1

    Dagmar (Montag, 04 Januar 2021 09:23)

    Raten will ich hier gar nicht, liebe Nina. Aber mich mit Dir ärgern, wie wir ohnmächtig zusehen müssen, dass die offensichtlichen Themen nicht angegangen werden. Dass höchstens Risikogruppen der Lehrer geschützt werden, als Kinder unterrichtet - das kleine Detail fehlte übrigens noch in Deiner Liste, die mir, wie Du so treffend schreibst, die "Kotze" in den Hals treibt. Ich, die ich schon größere Kids habe, diejenigen, die versuchen, ihr Studium auf die Reihe zu kriegen, leiden an ähnlichen Problemen: an Unis, die überfordert sind.
    Vielleicht sollten wir stattdessen hier eine Liste anfangen für geheime Schlittenhügel. Denn Sportunterricht ist ja auch etwas, was seit März ziemlich zu kurz gekommen ist in den Schulen.

    Merken sollten wir uns jedenfalls die Kandidaten, um diesen bei den nächsten Wahlen einen Denkzettel zu verteilen. Oder noch besser: Selbst in die Politik gehen. Wir brauchen neue Köpfe. Neue, begeisterte Anpacker, die aus der Jetzt-Zeit kommen und für Morgen ein Auge haben und den Geist offen. Tschüss, wer sich da von den Etablierten nicht angesprochen fühlt. - Ach so, die lesen vermutlich auch keine Blogs.

  • #2

    Bootsmann (Montag, 04 Januar 2021 13:03)

    Friedrich Merz, der Mittelstand-Mensch mit Jet.

  • #3

    Ulrike Peschelt-Elflein (Montag, 04 Januar 2021 15:36)

    Diese Person hat keine Ahnung von sozial oder finanziell prekären Verhältnissen - woher auch.
    Wie es Kindern geht, die ihre Freunde nicht treffen können und in einer kleinen Wohnung sitzen, kann er sicher auch nicht wissen - interessiert es ihn ???
    Er hat auch im letzten halben Jahr m.W. keine Vorschläge gemacht, wie mann all diese Probleme lösen kann. Aus dem Abseits heraus polemisiert es sich gut.

  • #4

    Caroline (Montag, 04 Januar 2021 16:05)

    Hallo liebe Nina, ich stimme dir zu und finde das ganze Dilemma einfach nur übel. In den langen Monaten der Pandemie ist nicht wirklich etwas passiert. Viele Worte und kein Plan. Ich kann nur immer wieder mit dem Kopf schütteln. Allerdings ist das Problem ja nicht erst dieses Jahr aufgetreten. Das Schulsystem hat einfach den Anschluß verpasst. Außerdem hat man das Gefühl, dass an den Schaltern der "Macht" Leute sitzen, die von der Basis soweit entfernt sind, wie die Sonne von der Erde.

  • #5

    Jutta (Montag, 04 Januar 2021 16:17)

    Schön zusammengefasst. Danke dafür!

    Mir ist in den letzten Monaten bewusst geworden, dass Schule weit mehr leisten muss, als nur Wissen zu vermitteln. Aber selbst dieser Grundaufgabe kommt sie nicht mehr nach. Digitalunterricht? Dass ich nicht lache!

    Zudem fehlt die Persönlichkeitsbildung der Kinder. Ein Interagieren in der Altersgruppe ist nicht mehr möglich. Alle sitzen ja nur noch zuhause. Kulturelle Bildung in Form von Museumsbesuchen fällt weg; es gibt keine Projekttage, kein Singen, kein Sport. Mit etwas Kreativität lässt sich auch das (z.B. in kleinen Gruppen und draussen) realisieren.
    Doch das deutsche Schulsystem ist zu alt und träge dafür. Mir wird bei dem Gedanken daran nicht schlecht wie der Autorin, mir kommen die Tränen! Und ein Satz unseres Schulelternbeirats geht mir dabei nicht mehr aus dem Kopf: "Wir haben während des Lockdown einige Kinder verloren." :-(