· 

Jule Heck: Heiligabend

Foto: Jule Heck
Foto: Jule Heck

 

Das war nun Heiligabend im Jahr der Pandemie. Wir hatten uns entschieden, allein zu Hause zu bleiben und ohne unsere Kinder, die Zeit unter dem Tannenbaum zu verbringen. Unsere beiden Töchter sind mit ihren Familien, obwohl sie ganz in unserer Nähe wohnen, auch daheim geblieben. Wir wollten uns nicht gegenseitig gefährden, zumal unsere jüngste Tochter ihr zweites Kind erwartet, wollten wir sie nicht noch kurz vor der Geburt in Gefahr bringen.
Es war das erste Mal in 42 Jahren, seit ich mit meinem Mann zusammen bin, dass wir diesen besonderen Abend allein verbracht haben. Früher sind wir zu meinen Eltern gefahren, später dann waren unsere Kinder da, vor ein paar Jahren sind die Enkelkinder dazu gekommen. Es war jedes Mal anders, aber immer schön. Wir mussten uns immer den Gegebenheiten anpassen.
Ich war zwar traurig und auch gespannt, wie es wohl sein würde, ohne die Familie zu feiern. Doch ich muss sagen, es war gar nicht so schlimm. Man könnte sogar sagen, es war besinnlich. Den Baum hatten wir schon zwei Wochen vorher aufgestellt. Alles, was wir zum Essen brauchten, hatte ich schon längst besorgt und eingefroren und bin auch nicht mehr morgens, um noch frischen Salat zu kaufen, in ein Geschäft gerannt, weil meine Kinder auf Bio bestehen. Ich musste auch nicht den ganzen Tag durch das Haus laufen, Stühle tragen, Tische decken, alles wegstellen, was Kinderaugen und noch mehr Kinderhänden gefällt. Nein, ich konnte an diesem Tag einmal ausschlafen, in aller Ruhe mit meinem Mann frühstücken, meinen Dackel Gassi führen und das Fondue zubereiten. Der Kamin verbreitete eine wohlige Wärme, Weihnachtsmusik motivierte mich zum Mitsingen. Die Weihnachtsplätzchen schmeckten lecker und ich hatte sogar Zeit, in meinem Buch weiterzulesen.
Es lagen auch keine Berge von Geschenken unter dem Tannenbaum. Dieses Mal gab es für jeden nur ein Päckchen.
So ein entspanntes Weihnachtsfest habe ich noch nie erlebt. Ich konnte mein Essen genießen, musste nicht ständig ein Kind auf dem Arm, für Ordnung sorgen, umgekippte Gläser aufstellen, Saftflecken entfernen und Berge von Geschirr abräumen. Ich konnte mich mit meinem Mann unterhalten. Wir haben uns an alte Zeiten erinnert und viel gelacht. Es war ein rundum gelungener Abend. Auch wenn ich meine Kinder und Enkelkinder vermisst habe, muss ich ehrlich gestehen, es hätte schlimmer kommen können. In diesem Sinne halte ich es mit meinem Lieblingsweihnachtsgedicht von Joseph von Eichendorff:

 

Markt und Straßen steh`n verlassen,
still erleuchtet jedes Haus,
sinnend geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

 

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
tausend Kindlein steh`n und schauen,
sind so wundervoll beglückt.

 

Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld,
hehres Glänzen, heil` ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

 

Sterne hoch die Kreise schlingen,
aus des Schnees Einsamkeit
steigt`s wie wunderbares Singen -
O du gnadenreiche Zeit!

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0