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Antje Lilienthal: Kampf dem Corona-Blues

 

Nun ist Weihnachten 2020 doch so, wie wir es nicht haben wollten. Läden und Restaurants geschlossen, Fußgängerzone fast leer. Unsere Kontakte stark eingeschränkt, Reisepläne ad acta gelegt. Vertraute Gesichter fehlen. Morgens gegen acht wird es hell und nachmittags um halb fünf dunkel. Dazwischen Nieselregen. In den Nachrichten stündlich Zahlen: Inzidenzwert, Neuinfektionen, Todesfälle, Triage! Unter Leuten lauert der Virus. Unter uns die Einsamkeit. Wir brauchen Trost. Und den bekommen wir nicht, wie wir es gewohnt sind. Freundeskreise, Vereins- und Kulturleben, Kirchenchor - still gelegt.


Wir kennen die Isolation aus dem 1. Lockdown im Frühjahr. Er traf uns unvorbereitet. Lieb gewordene Anlaufstellen verfielen in Schockstarre und wir mit ihnen. Mehr aus Zufall heraus gründete ich damals mit einigen Kolleginnen aus dem Weltladen eine kleine Corona-What`s app-Gruppe. Unsere Erkennungsmelodie: „Fight the virus“ mit  Musik von Simon & Carfunkel. Wie viele andere auch wollten wir uns nicht unterkriegen lassen. Jetzt, wo physische Nähe gefährlich wurde, entdeckten wir die virtuelle Welt und ihre Möglichkeiten.


Die Frühaufsteherinnen, allen voran Ulrike und Christina, weckten uns täglich mit neuen Ideen. Ulrike brachte wunderbare Fotos von ihren morgendlichen Streifzügen in Bad Nauheim mit und erfreute uns mit den ungewohnten Ansichten unserer kleinen Stadt: Kurpark, Trinkkuranlage, die Waldteiche oder der Hochwald versunken im Dornröschenschlaf. Christina hob fast jeden Morgen das Passende aus ihrem Schatz an Zitaten, stimmungsvoller Musik, Filmen und poetischen Animationen hervor. Und wir spürten, wie die richtigen Worte und Klänge trösten, wenn Sorgen drücken. Erst recht, wie eine Prise Humor aufkommende Trübsal einfach wegbläst. Unglaublich, wieviel Witz die Corona-Situation freisetzt – vom Toilettenpapier bis zu Trump. „Wer jetzt keinen Humor hat, hat den Ernst der Lage nicht erkannt“, stellte Ulrike zur Recht am 28.3. in die Gruppe. Sie und Era geben mit ihren kurzen virtuellen Dialogen ein gutes Beispiel dafür ab. „Bühnenreif“, denke ich manchmal und wundere mich, welche Seiten an den Kolleginnen ich erst im virtuellen Raum entdecke. Es macht Spaß, Ulla in lauschige Ecken ihres liebevoll gestalteten Gartens in Steinfurth zu folgen und durch ihre munteren Worte förmlich das Vogelgezwitscher zu hören. Beate berichtet von Flora und Fauna rund um Rödgen, und ich denke, „da muss ich auch mal wieder hin.“


Wir haben in diesem Lockdown-Frühjahr viel gelernt: Nämlich, dass „außergewöhnliche Zeiten uns näherbringen können“, sagt Christina. „Dass es nicht nur das eine Thema gibt, sondern auch einfach mal was zu lachen“, meint Beate. Ulla ist „immer wieder beeindruckt, wie diese Situation unsere Kreativität freisetzt“. Zum Start des Lockdowns Nummer zwei wünscht uns Era: „Passt bitte gut auf Euch auf, damit wir alle weiterhin so schön verbunden bleiben.“  Ulrike schickt jetzt Winterimpressionen, Christina Gedanken zum Christfest. Wir sind wieder bereit, dem Corona-Blues den Kampf anzusagen, denn „Man muss mit allem rechnen, auch mit dem Guten“, hieß es an Ostern in unserer Gruppe. Das gilt auch für Weihnachten.  

Foto: Ulrike Niemann

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