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14. Dezember

Foto: Valentina Dietrich
Foto: Valentina Dietrich

Das Weihnachtshaus

 

 

Es war nicht irgendein Haus, das sich in die Reihe anderer Ein- und Zweifamilienhäuser in dieser Straße einfügte. Nein, dieses Haus war etwas Besonderes mit seinen roten Ziegelsteinen im Erdgeschoss und dem Fachwerk unter dem großen Dach. Es stand am Ende einer langen Straße, die durch das ganze Dorf führte in einem großen Park, umgeben von sanft geschwungenen Hügeln, saftigen Wiesen und alten Bäumen, deren Blätter im Herbstwind davon wirbelten und die Rasenfläche unter sich bedeckte. Auch ein kleiner See gehörte zu diesem Paradies, dessen Oberfläche wie ein Spiegel in der Sonne glitzerte. Nie war dort jemand zu sehen. Keiner der Dorfbewohner hatte jemals einen der Besitzer des Hauses zu Gesicht bekommen.

 

Mit Beginn der dunklen Jahreszeit war außer einem kleinen Licht in einem der vorderen Zimmer kein Anzeichen von Leben in diesem Haus zu spüren. Auch an Halloween, Ende Oktober, wenn die Kinder lachend und tobend durch die Straßen zogen, auf der Suche nach etwas Süßem und einem Abenteuer, blieb das Tor, das zu dem Anwesen führte, verschlossen. Auf das Klingeln an der Pforte reagierte niemand. Nur aus den Schornsteinen schlängelten sich kleine weiße Rauchwölkchen in den dunklen Nachthimmel und der Duft von Kaminfeuer vermischte sich mit der Abendluft.

 

Es war ein ungeschriebenes Gesetz in dem Dorf, dass vor dem Totensonntag niemand eine Weihnachtsbeleuchtung anbrachte oder sein Haus weihnachtlich schmückte. Doch am Tag danach begann eine besondere Zeit. Wie durch einen Zauber konnte man plötzlich viele hell erleuchtete Fenster in der Straße sehen. Rentiere und Weihnachtsmänner, die einen Schlitten hinter sich herzogen, zierten die Vorgärten. Nikoläuse hangelten sich an Fassaden entlang und in der Luft lag ein Hauch von Zimt, Anis und Nelken.

 

Und siehe da, auch das große Haus am Ende der Straße war aus seinem Schlaf erwacht und erstrahlte wie in jedem Jahr in weihnachtlichem Glanz. Der Park hatte sich in eine malerische Winterlandschaft verwandelt. Alle Fenster, und es waren viele Fenster, waren mit kleinen Lämpchen bestückt. Obwohl niemand einen Handwerker dort gesehen hatte, standen auf einem Platz vor dem Haus plötzlich Holzbuden und ein kleines Kinderkarussell.

 

Die Kinder aus dem Dorf, die schon mehrfach vergebens versucht hatten den Zaum rund um das weitläufige Gelände zu überklettern, um einmal einen Blick auf das Innere des Hauses und seine Bewohner zu erhaschen, betraten freudestrahlend den weihnachtlich geschmückten Park und stapften durch die frostkalte Winterlandschaft. Sie bestaunten die Stände, die Weihnachtsschmuck und Schnitzereien aus dem Erzgebirge anboten. Ihre Gesichter spiegelten sich in den handgemachten Weihnachtskugeln und sie naschten gebrannte Nüsse und Mandeln und ließen sich Bratäpfel und Maronen schmecken.

 

Das kleine Karussell mit den bunten Pferden und Kutschen, drehte unaufhörlich seine Runden. Überall war Weihnachtsmusik zu hören und der Geruch von Lebkuchen und Glühwein erfüllte die Luft.

 

Mit schön geschnitzten Schlitten konnten die Kinder stundenlang einen Hang hinab rutschen oder sich eine Schneeballschlacht liefern. Denn der Schnee, der wie ein weißes Tuch den Boden bedeckte, war das Erstaunlichste an dieser geheimnisvollen Idylle. Obwohl es in der ganzen Region nur noch selten schneite, fielen hier in der Adventszeit große weiße Flocken zu Boden und blieben bis Weihnachten liegen. Auf dem kleinen See, der eine dicke Eisschicht trug, glitten die Kinder auf ihren Schlittschuhen dahin.

 

Jedes Jahr am 6. Dezember bescherte der Nikolaus die kleinen Gäste und holte schön verpackte Geschenke aus seinem großen Sack. Erst als alle Kinder bedacht worden waren, ließ er sich mit seinem von Rentieren gezogenen Schlitten in den Sternenhimmel davontragen. Lange konnte man seine Spur am Himmel verfolgen und das Bimmeln der Glöckchen hören.

 

Jeden Tag kamen die Kinder aus dem Dorf, um die weihnachtliche Pracht zu genießen. Es war eine eigene, kleine Welt, die durch nichts gestört wurde. Hier drangen kein Fluglärm oder Autogeräusche herein, hier gab es keinen Streit oder ein lautes Wort. Für einige Wochen war hier Frieden eingekehrt. Hinter den großen Fenstern des Hauses sah man Leute im Gespräch zusammenstehen oder miteinander tanzen. Aber niemand trat jemals vor die Tür oder sprach zu den Kindern.

 

Pünktlich am Weihnachtsabend, wenn die Glocken zum Kirchgang einluden, schloss sich das große Tor zum Park automatisch, erloschen alle Lichter und das Weihnachtshaus blieb als dunkler Schatten im Park zurück. Die Buden und das Karussell waren wie durch einen Zauber verschwunden und nichts erinnerte mehr an die wunderschöne Vorweihnachtsstimmung. Elf Monate lang blieb das Tor verschlossen, lag der Park friedlich hinter dem hohen Zaun. Niemand konnte sich dieses Wunder erklären, das viele Jahre die Kinder aus dem Dorf anzog. Der Zauber hörte auf, als bereits im September Lebkuchen und Nikoläuse in den Läden angeboten wurden, Weihnachtsmärkte lange vor dem ersten Advent ihre Tore öffneten und kitschige Weihnachtskugeln aus China angeboten wurden, die Menschen zwischen den Buden hindurcheilten, um sich anschließend an den Glühweinständen und Wurstbuden lauthals zu unterhalten. Die Weihnachtsmusik verstummte. Der Kommerz hatte die weihnachtliche Idylle verdrängt.

 

Text: Jule Heck

 

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