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11. Dezember

Foto: Valentina Dietrich
Foto: Valentina Dietrich

Der 11. Dezember 1944 in Bad Nauheim …

 

war trüb und ungemütlich. Dichte Wolken hingen tief über der Stadt, ab und zu nieselte es, dann und wann fiel Schneeregen aus der grauen Decke und verwandelte Straßen und Fußwege in gefährliche Schlitterbahnen.

 

„Wir könnten ja mal hinausgehen und schauen, ob man sie da oben entdecken kann. Wenn’s nur nicht so glatt wäre“, meinte Gustav zu seinem Bettnachbarn Karl. Im ebenerdigen Saal im Grand Hotel, das schon wesentlich bessere Zeiten gesehen hatte, standen die Krankenbetten dicht gedrängt aneinander. Gustav hatte sie anfangs gezählt, aber bald aufgegeben. Morgens wurden Verwundete eingeliefert, manchmal, am gleichen Abend schon, schob man ihr leeres Bett wieder hinaus. Gustavs Verwundung gehörte hier zu den leichteren Fällen. An der Front war ihm das Bein durchschossen worden und im Lazarett hatte man es nicht retten können. So schrecklich es für einen Fünfundzwanzigjährigen auch war, als Kriegsversehrter nachhause auf den elterlichen Bauernhof zurückzukehren, er würde zumindest nicht wieder an die Front müssen und vermutlich mit dem Leben davonkommen. Das war mehr, als vielen seiner Kameraden beschieden war.

 

Karl setzte sich im Bett auf. „Dieses Dröhnen, wann hört das endlich auf? Wenn sie die Bomben hier abwerfen, sterben wir doch noch, obwohl der Krieg bestimmt bald zu Ende ist. Und verloren haben wir den sowieso, da ist nichts mehr zu machen.“

 

„Mensch, Karl.“ Gustav blickte sich um. „Bist du wahnsinnig geworden? Du kannst doch nicht in dieser Lautstärke solche defätistischen Bemerkungen von dir geben. Wenn du Pech hast und einer verpfeift dich, hängen sie dich auf oder machen dir sonst wie die Rübe ab. Und Bomben werfen die Amis hier nicht, da gibt’s bestimmt interessantere Ziele. Außerdem ist oben auf dem Hoteldach ein rotes Kreuz aufgemalt, da sehen die doch, dass hier Verwundete liegen. Ein Pfleger hat mir sowieso erzählt, dass die vor einiger Zeit Flugblätter abgeworfen haben, auf denen ‚Bad Nauheim werden wir schonen, da wollen wir wohnen‘ stand. Also, zieh dir’s Kissen über den Kopf, wird schon gutgehen.“

 

Was an jenem Tag wirklich geschah…

 

Bei einem Angriff von US-Bombern auf Frankfurt, Hanau und Gießen wurden zwei vom Hauptstrom der Flugzeuge getrennt. Für diesen Fall hatten die Besatzungen den Befehl, nach Sicht beliebige Bahnanlagen anzugreifen. Vierundzwanzig Sprengbomben wurden über Bad Nauheim ausgeklinkt und gingen zwischen Güterbahnhof und Grand Hotel nieder. Wie durch ein Wunder entstand nur Sachschaden, da die Bomben in Gärten, Baulücken und freiem Gelände einschlugen.

 

(Nach Maag, H., Hrsg., Luftschutzmaßnahmen ab 1933 und Luftangriffe auf Bad Nauheim während des Zweiten Weltkrieges)

 

Text: Ursula Luise Link

 

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