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19. Dezember

Foto: Valentina Dietrich
Foto: Valentina Dietrich

Fröhliche Weihnachten

 

 

Es war der Tag vor Heiligabend. Obwohl es sehr kalt war, musste Ella ihren Dackel noch einmal Gassi führen. Schnell verließ sie ihr gemütliches Haus. Erwin, ihr Rauhaardackel, hatte es plötzlich wieder sehr eilig. Er zog Ella hinter sich her, weil er wieder mit der Nase am Boden die Spur einer Hundedame verfolgte, die in einiger Entfernung vor ihnen herlief. Ella hatte alle Mühe, dem kleinen Racker zu folgen. Mit ihren 50 Jahren war sie ja auch nicht mehr die Jüngste und sportlich war sie noch nie gewesen. Außer dem täglichen Spaziergang mit ihrem Vierbeiner hatte sie nur wenig Bewegung. Trotzdem sah sie noch ganz gut aus, gepflegt, immer schick angezogen und so komfortabel ausgestattet, dass ihre weiblichen Rundungen gut zur Geltung kamen.

Das hatte ihren Partner jedoch nicht davon abhalten können, die hübsche und humorvolle Ella genau vor einem Jahr an Heiligabend zu verlassen. Peter war vom Zigarettenholen nicht zurückgekehrt. Nach den Feiertagen hatte sie Peter bei der Polizei als vermisst gemeldet. Sie hatte sich große Sorgen gemacht und nach ihm gesucht, gemeinsame Bekannte angerufen und wochenlang auf seine Rückkehr gewartet. Vor allem hatte sie an Weihnachten alleine zu Hause gesessen.

Doch der selbständige Handelsvertreter war nicht wiederaufgetaucht. Zufällig hatte sie dann im Sommer herausgefunden, dass ihr geliebter Peter inzwischen, natürlich unter falschem Namen, bei einer anderen Frau im 150 km entfernten Heidelberg wohnte.

Sie war stinkwütend und sann auf Rache. Doch was konnte sie schon tun? Und morgen war wieder Heiligabend und sie saß wieder alleine zu Hause. So in ihre Gedanken vertieft, hatte sie nicht auf den Weg geachtet und plötzlich fand sie sich vor einem großen Gebüsch wieder. Der Dackel war unter dem dichten Gestrüpp verschwunden. Sie musste das Ende der Leine loslassen, damit sie nicht in die Äste fiel.

Sie hörte Erwin winseln, konnte ihn aber nicht sehen. Was sollte sie denn jetzt tun? Die Dämmerung setzte bereits ein und nun fing es auch noch an zu regnen. Ihre Kleidung war auch nicht gerade dazu geeignet, sich auf den Boden zu begeben und das Tier aus dem Gebüsch zu ziehen. Also versuchte sie es zunächst mit Rufen. Aber alles Rufen und Bitten half nicht. Der Vierbeiner blieb im Gebüsch verschwunden. Ella vermutete, dass er sich nicht selbst befreien konnte, dass er irgendwo festhing. Also ging sie auf die Knie und sah unter die Äste. So, auf dem kalten Boden knieend, konnte sie Erwin sehen. Er zitterte und winselte und hatte offenbar Angst. Er hing mit seinem Mäntelchen, das ihn eigentlich vor der Kälte schützen sollte, in den Dornen fest. Sie versuchte, ihn freizubekommen, aber ihre Arme waren zu kurz, um an ihn heranzukommen.

Plötzlich hörte sie eine tiefe Stimme hinter sich sagen: „Was machen Sie denn da am Boden?“

Erschrocken drehte sich Ella um, sah aus ihrer Position jedoch nur ein paar schwarze Hosenbeine. Sie bemühte sich aufzustehen. Die Person, deren Stimme sie vernommen hatte, reichte ihr die Hand und zog sie nach oben. Ella blickte in das Gesicht eines attraktiven Mannes. Verlegen schaute sie ihn an. Auf seiner schwarzen Lederjacke, die ihn als Polizist erkennbar machte, erblickte sie im diffusen Dämmerlicht seinen Namen, konnte ihn aber nicht entziffern.

„Mein Dackel hat sich im Gestrüpp verfangen, er hängt in den Dornen fest. Ich kann ihn nicht befreien“, stotterte sie aufgeregt.

„Was macht ihr Hund denn auch im Gebüsch? Hat er einen Hasen gewittert?“, fragte der Polizist etwas amüsiert.

„Erwin ist kein Hund. Das ist ein kleiner, eigenwilliger Dackel“, antwortete Ella etwas bockig.

Der Mann lachte und begab sich auf die Knie, streckte einen Arm unter die Zweige des Busches und versuchte, so an den Dackel heranzukommen. Doch Erwin machte es ihm nicht leicht. Er knurrte ängstlich und zog sich weiter zurück. Schließlich legte sich der Polizist auf den Boden, robbte mit dem Oberkörper unter den Strauch. Von dem verängstigten Knurren ließ er sich nicht aufhalten und zog schließlich Erwin ins Freie.

„Da haben Sie ihren Dackel wieder“, sagte der Polizist freundlich und reichte ihr das kleine, zitternde Tier. Ella nahm ihren Vierbeiner auf den Arm und streichelte ihn, sprach tröstende Worte.

„So gut möchte ich es auch mal haben“, witzelte der Helfer.

„Wie kann ich Ihnen danken? Wenn Sie nicht vorbeigekommen wären, ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen.“ Ella war vor lauter Erleichterung den Tränen nahe.

„Das ist schon ok. Sie kennen doch den Spruch – die Polizei dein Freund und Helfer.“

„Ich will ja nicht unverschämt sein, aber wenn Sie mir nochmal helfen wollen, könnten Sie mich vielleicht nach Hause bringen? Ganz ehrlich, ich bin total verdreckt und friere zudem ganz fürchterlich. Ich glaube, das ist die Aufregung.“ Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als der nette Polizist sie tatsächlich zu dem am Straßenrand haltenden Streifenwagen führte und sie nach Hause brachte. Dort befreite sie Erwin, nachdem sie ihre dreckige Kleidung abgelegt hatte, von seinem durchnässten Mäntelchen und badete ihn ausgiebig. Nicht auszudenken, was sie ohne Erwin am nächsten Tag, dem Heiligen Abend, gemacht hätte. Ihre Kinder hatten ihr geraten zu Hause zu bleiben und sich nicht der Gefahr einer Infektion auszusetzen. Also würde sie die Weihnachtsfeiertage alleine verbringen. Den ganzen Abend musste sie an den netten Polizisten denken. In der Nacht träumte sie sogar von dem Ereignis und dem attraktiven Mann. Erwin schnarchte friedlich zu ihren Füßen. Er hatte die ganze Sache offensichtlich schon wieder vergessen.

Am nächsten Morgen griff sie zum Telefon und rief auf der Polizeistation an. Vor lauter Aufregung hatte sie vergessen, den hilfreichen Mann nach seinem Namen zu fragen. Leider konnte man ihr auch nicht sagen, wer sie aus ihrer Not gerettet hatte, aber man wollte nachfragen und ihre Grüße und Dankesworte ausrichten.

Am Weihnachtsabend saß sie nun ganz allein vorm Kamin, betrachtete die schön geschmückte Tanne und tröstete sich mit selbstgemachtem Punsch und Gebäck. Eine Weihnachts-CD lief und Erwin schlummerte friedlich auf ihrem Schoß. Eigentlich hätte sie zufrieden mit sich und der Welt sein können. Doch das war sie ganz und gar nicht. Wegen dieser blöden Pandemie war sie von ihrer Familie und ihren Freunden getrennt, saß allein in ihrem gemütlichen Heim. Sicher ging es ganz vielen Menschen ähnlich, doch das war leider auch kein Trost für sie. So grübelte sie vor sich hin. Wenn sie sich etwas vom Weihnachtsmann wünschen dürfte, dann, dass sie noch einmal diesen attraktiven Mann treffen würde.

Plötzlich klingelte es. Ella erschrak richtig. Wer mochte um diese Uhrzeit am Heiligabend vor ihrer Tür stehen? Hoffentlich keine Einbrecher, die testen wollten, ob jemand zu Hause war. Leise ging sie in die Diele. Vorsichtig öffnete sie die Haustür nur einen Spalt weit.

„Hallo, Ella, ich bin es“, hörte sie eine bekannte Stimme sagen. Sie gehörte eindeutig zu dem netten, attraktiven und hilfreichen Polizisten vom vorherigen Abend. Er hielt einen großen, weihnachtlich dekorierten Blumenstrauß in den Händen und sah sie etwas verlegen an.

„Was für eine Überraschung“, jauchzte Ella und zog die Haustür ganz auf.

„Ich wollte mich erkundigen, wie es ihrem eigenwilligen Dackel geht und Ihnen schöne Weihnachten wünschen.“ Er hielt ihr die Blumen entgegen. Ella nahm den Strauß an sich und bat ihn einzutreten.

„Haben Sie etwas Zeit?“ Was für eine blöde Frage, dachte sie sogleich. Er wäre sicher nicht mit einem Blumenstrauß bei ihr aufgekreuzt, wenn er die nicht hätte.

„Ja, ich habe den Rest des Abends frei und würde gern einige Stunden mit Ihnen verbringen. Ich dachte mir, dass sie vielleicht, genau wie ich, alleine zu Hause sitzen. Und das wäre doch schade. Finden Sie nicht?“ Er lächelte sie liebevoll an. Ella strahlte. Vor lauter Glück, das sie kaum fassen konnte, brachte sie zunächst keinen Ton heraus, zog ihn einfach mit sich ins Wohnzimmer und drückte ihn auf einen freien Sessel. Sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als diesem Mann wieder zu begegnen und nun saß er hier bei ihr im Wohnzimmer. Offenbar gab es doch einen Weihnachtsmann, der Wünsche erfüllte.

Es wurde ein wunderschöner Abend, überhaupt ein wunderschönes Fest. Ella vermisste nichts und niemanden und genoss einfach nur die Anwesenheit dieses wunderbaren Mannes. So wurde es doch noch ein schönes Weihnachtsfest. Ihr Wunsch für das nächste Jahr stand jetzt schon fest. Diesen Mann wollte sie behalten.

 

Text: Jule Heck

 

 

 

 

 

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