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5. Dezember

Foto: Valentina Dietrich
Foto: Valentina Dietrich

Erinnerung

 

Sie sitzt am Klavier und spielt. Robert Schumann, Nummer 28 aus der Klaviermusik für die Jugend, „Erinnerung“. Im Wohnzimmer ist es halbdunkel, sie hat nur die LED-Kerzen am Weihnachtsbaum angeknipst. Das Schumann-Stück hat sie schon so oft gespielt, dass sie die Noten eigentlich gar nicht mehr braucht. Die Musik übertönt die Stille, die sonst den Raum beherrschen würde. Aber lange wird sie nicht mehr spielen können, man könnte sie draußen hören und sich gestört fühlen.

 

Das Licht, wenn es draußen dunkel ist. Der Duft der Wachskerzen, wenn sie mit ihren zwei Schwestern endlich die gute Stube mit dem Ölofen und dem dunklen Eichenbuffet, dem hölzernen Esstisch, dem grünen geschwungenen Sofa, den zwei Sesseln und dem davorstehenden Nierentisch betreten durften. In der Küche hatte sie vorher ihr Wiener Würstchen und den von Mama zubereiteten Kartoffelsalat gegessen. Nicht zu viel davon, denn nachher, bei den gemeinsamen Gesellschaftsspielen, würde sie ihre ganze Tafel Weihnachtsschokolade verspeisen, genau wie Papa, ratzeputz. Unter dem Weihnachtsbaum lagen die Geschenke. Welches Päckchen für wen, das konnte man erst herausbekommen, wenn man den Anhänger gelesen hatte. Für Renate von Mama und Papa. Oder für Anne von Tante Edith. Aber ans Auspacken ging’s sowieso nicht sofort. Erst einmal wurden einige Weihnachtslieder gesungen. Das klappte schon dreistimmig, denn die Schwestern waren älter und konnten ihre Stimme bereits halten und sogar selbst erfinden. Die Eltern sangen mit ihrer Jüngsten die erste Stimme, Papa eine oder manchmal zwei Oktaven tiefer. Später, als sie schon einige Zeit bei Herrn Verhaag Unterricht gehabt hatte und ihr neues Klavier rechts von der Tür seinen Platz in der Stube gefunden hatte, begann sie im Oktober mit dem Üben der Weihnachtslieder. Und kleine Gedichte ersann sie, zum Aufsagen am Heiligen Abend oder Notieren auf selbstbemalte Karten, zum Verschenken. Dieses weihnachtliche Gefühl von Behütetsein, von liebgewonnen Bräuchen, Kerzen, Würstchen und Schokolade, von Familie – konnte sie schon im Oktober hervorzaubern.

 

Der letzte Ton von „Erinnerung“ ist verklungen. Sie schließt den Deckel des Klaviers und tritt ans Fenster. Unten, auf der Straße, einige Nachbarn, mit ihren Kindern oder Enkelkindern. Rückkehrer vom Gottesdienst. Sie setzt sich in ihren Sessel. Die Erinnerungen übertönen die Stille, die sonst den Raum beherrschen würde. Das erwachsen gewordene Weihnachtsgefühl ist zurück.

 

Text: Ursula Link

 

 

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