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Antje Lilienthal: Schöne Bescherung

 

Die Tage fließen zäh dahin wie Brei. Das war im November so, als das öffentliche Leben wieder heruntergefahren wurde und das wird bei mir auch im Dezember so bleiben. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, was ich gestern gemacht habe und was vorgestern. Das jeweilige Tagesdatum fällt mir meistens auch nicht mehr ein. Das ist nicht weiter schlimm. Wir sind nicht krank, wir müssen nicht um unseren Unterhalt fürchten, wir können schlafen und in der Wetterau spazieren gehen.

 

Aber es fehlt etwas, auf das man sich freut, was Spaß macht, was das Herz anrührt, was Gemeinschaft stiftet. Normalerweise freut man sich in der Adventszeit auf Weihnachten. Das Fest der Liebe. Und man freut sich auf Silvester. Das Fest der Freude. Unsere Politiker haben uns gesagt, dass wir im November möglichst brav zu Hause bleiben sollen, damit wir Weihnachten mit unseren Lieben feiern können. Sogar eine kleine Silvesterparty als krönender Abschluss dieses feiermüden Jahres wurde in Aussicht gestellt.  

 

Wer die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Deutschland im November verfolgt hat – sie lagen an 11 Tagen über 20 000 - und diese mit denen im März/April vergleicht – da wurde bei strengem Lockdown ein Höchststand von 6 294 am 28.3. gemeldet - muss in seiner Hoffnung auf ein ungetrübtes Christfest schon an den Weihnachtsmann glauben. Dieses Jahr, fürchte ich, geben unsere Politiker den Weihnachtsmann. Ohne zu wissen, wie sich das Infektionsgeschehen bis dahin entwickeln wird, gewähren sie dem verschärften Hygieneschutz vom 23.12. bis zum 1.1.2021 eine Weihnachtspause. Dann dürfen sich zehn Personen aus maximal zehn Haushalten treffen statt wie jetzt fünf Personen aus zwei Haushalten. Zwar sind die Zahlen während des Lockdown light im November nicht deutlich heruntergegangen, aber die Rute eines „Weihnachten in Einsamkeit“, so Angela Merkel  in verschiedenen Ansagen, sollen die Bürger dann doch nicht spüren.

 

Der 25. November, an dem dieser Beschluss verkündet wurde, stach also aus dem Einerlei des Corona-Alltags hervor. Die Deutschen durften aufatmen: das Christfest mit den Lieben wurde erlaubt. Und das an einem Tag, an dem es hierzulande 410 Corona-Tote gab – so viele wie noch nie zuvor. Seitdem steigt die Zahl weiter.

 

Bei mir ist die vorgezogene Weihnachtsbescherung nicht gelungen. Ich bin erwachsen, ich mache mir zu viele Gedanken. Die Vorstellung, wie wir Deutsche bei munterem Infektionsgeschehen mit zehn Familienmitgliedern aus zehn Haushalten unterm Christbaum sitzen, nachdem wir uns wochenlang relativ erfolglos mit vier Personen und einem weiteren Haushalt begnügt haben, will mir nicht in den Kopf. Vielleicht feiern wir dieses Jahr in kleineren Schichten. Auch wenn Weihnachten ist, muss man ja nicht gleich den Verstand verlieren.  

 

 

Foto: Christina Ponto

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Eva Thiel (Freitag, 04 Dezember 2020 11:28)

    Sie sprechen mir aus dem Herzen.