Nina Elflein: Von der Selbstfürsorge und Knuffelkontakten

Ich finde ja „Knuffelkontakt“ ist ein durch und durch schönes Wort – auch wenn es „knuffeln“ im Deutschen so noch nicht gibt. „knuffelen“ ist aus dem belgischen und heißt übersetzt „knutschen, hätscheln, schmusen“. Und wer hat in der kalt werdenden Jahreszeit nicht Lust auf einen Knuffelkontakt. Ich mag das Wort. Durch und durch. Ich mag es, weil es eine al-literarische Komposita ist und diese sich wortwörtlich gut anfühlt. Für mich gehört das im doppelten Sinne zur Selbstfürsorge. Zum einen, sich mit schönen Dingen zu beschäftigen. Bei mir sind das unter anderem Wörter, die mir Freude bereiten. Ich mag es, damit zu spielen und wenn ich für den Blog einen Text schreibe und Wörter abwäge, sie einsetze oder auch wieder streiche, bin ich am Schluss textzufrieden. Und zum anderen knuffel ich gerne. Ich bin gerne körperlich. Deswegen fahre ich auch gerne lange Strecken mit dem Rad, weil ich mich dann spüre. Im Sommer nackt im See baden ist auch so eine tolle Gelegenheit, um mich zu spüren, weil mein Körper dann vom Wasser umschlossen ist. Vermutlich geht es nicht nur mir so. Zeit in der Badewanne zu verbringen ist für viele das Sinnbild von Entspannung. Aber es hat halt nicht jeder eine Badewanne zu Hause und es lebt auch nicht jeder Mensch in Partnerschaft – um mal eben entspannt zu knuffeln. Und dann sind da auch noch Corona und steigende Infektionszahlen und die Freiheit einschränkende Maßnahmen – und dann? Wie entspannen wir Menschen jetzt? Wie entspannen wir, wenn wir allein leben, keine Badewanne haben und Rilke zu sehnsüchtig ist?

 

Während der ersten Corona Maßnahmen „empfahl das niederländische Gesundheitsamt im April 2020, Alleinlebenden ohne ständige Sexualpartner*innen zu erlauben, sich mit Gleichgesinnten zu treffen – die implizite Botschaft war also die Erlaubnis zum Sex.“ Ich finde das großartig. Ganz einfach weil mein Wohlergehen eben nicht nur Kopfsache ist. Und ich brauche als Mensch soziale Kontakte und Berührungen. „Die erzwungene Isolation hat viele Menschen emotional und sexuell auf sich selbst zurückgeworfen. Da ist es wenig verwunderlich, dass Selbstbefriedigung einen hohen Stellenwert im Sexualleben bekam.“ veröffentlichte der Tagesspiegel im Sommer. Doch zugegeben, wir sind nicht wirklich geübt darin, über Lust und Sex zu sprechen. Dabei empfinde ich allein schon das Reden über Lust und Sex als entspannend. Ich rede mit meinem Partner gerne über unser Lustempfinden. Mit mir guten Freundinnen rede ich auch gerne über Sex – wenn auch auf einer anderen Ebene. Und die Äußerung: „Wir können‘s uns ja selbst machen, das ist auch Selbstfürsorge“, würde bei einigen Freundinnen womöglich gerötete Wangen verursachen. Was aber auch wieder schön ist. Also, die geröteten Wangen, meine ich.

 

Die neuen Maßnahmen von Seiten der Bundesregierung wirken wieder stark einschränkend und da lobe ich mir einfach Belgien, die als ersten Punkt zum Sozialen Leben schreiben „Elk gezinslid heeft recht op 1 knuffel-contact.“ Offensichtlich haben die Entscheidenden dort verstanden, wie wichtig es ist, „etliche positive Hormone“ im Körper zu haben, die beim Sex ausgeschüttet werden. Das hat übrigens die Sexualtherapeutin Ulrika Vogt in der FAZ zum Besten gegeben.

 

Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber ich mag das Wort. Ich mag knuffeln. Und ich freue mich auf meinen Knuffelkontakt und wünsche jedem anderen auch einen Knuffelkontakt oder zumindest genug Zeit zur Selbstfürsorge. In diesem Sinne: Seid lieb zueinander und mit Euch. "Winter is coming."

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Kommentare: 2
  • #1

    Ulrike (Montag, 23 November 2020 10:32)

    Lesenswert. Viel zu wenig reden oder schreiben wir über unsere Wünsche und Empfindungen. Würden sich mehr Menschen damit beschäftigen und statt zu streiten einfach mal knuddeln, wäre weniger Agressivität und Einsamkeit in unserer Welt.
    Danke für die anregenden Zeilen.

  • #2

    Wolf (Montag, 23 November 2020 20:09)

    Sehr gut geschrieben Nina,
    so let´s knuffel