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Antje Lilienthal: Licht am Horizont

Die vergangene Woche war eine gute Woche. Erst ging Joe Biden nach einem zermürbenden Wahlkampfkrimi als Sieger aus den US-Präsidentschaftswahlen hervor. Dann meldete das Mainzer Unternehmen Biontech einen Durchbruch bei der Entwicklung seines Corona-Impfstoffes. Mittlerweile zogen auch die Tübinger Firma Curevac und das amerikanische Unternehmen Moderna mit der Bekanntgabe von deutlichen Fortschritten ihrer Impfstoffentwicklung nach. Solche Beide Ereignisse waren von vielen Menschen herbeigesehnt worden.

 

Im Weltladen in Bad Nauheim, in dem ich ehrenamtlich tätig bin, hatten wir auf den Wahlausgang gewettet. Mein Teampartner Wolfgang sah Biden als Sieger, eine Kollegin tippte mit sorgenvoller Stirn auf Trump und ich auf eine äußerst knappe Mehrheit für die Demokraten mit sich anschließenden heftigen Unruhen. Die Lust auf Sekt schwand während des Auszählungsdramas bei mir zunächst dahin. Aber dann, beim nächsten gemeinsamen Dienst mit Wolfgang war das Fläschchen doch fällig. Zufällig kam auch Christine aus dem Vorstand vorbei, mit der wir unsere Freude teilten. Wir drei schlürften und sprachen über dies und jenes. Wie es uns nach Bad Nauheim verschlagen hat, wie es aussah im Berlin der 70er Jahre, wo Christine herkommt, und warum uns die verstörende Serie Babylon Berlin gerade derzeit so anspricht. So entspannt hatten wir unter Kollegen im Weltladen schon lange nicht mehr miteinander gesprochen, stellten wir einmütig fest. Genauer gesagt, das letzte Mal beim Neujahrsfrühstück des Weltladenteams im Januar. Vor Corona also.

 

Seit zehn Monaten liegt das Virus wie ein Schatten über allem und allen. Hinzu kommt eine zunehmend ungemütlicher werdende Gesellschaft mit rassistischen und terroristischen Gewalttaten, eine politisch unsichere Großwetterlage, die von jemandem wie Trump unablässig befeuert wird. Ein insgesamt düsteres Szenario, das sich in die Gemüter frisst - je länger es andauert, desto mehr. Laut Corona-Monitor der Universität Erfurt empfinden 48 Prozent der Bundesbürger die momentane Situation als belastend. Wie belastend die Sorgen aber sind, merkt man manchmal erst, wenn sie sich auflösen oder aufzulösen versprechen, wie jetzt beim Gläschen Sekt auf Joe Biden und den Corona-Impfstoff.

 

Was uns so gut tut, ist das Licht am Horizont. Die Hoffnung auf ein Ende des Ausgeliefertseins an ein unberechenbares Virus (oder einen unberechenbaren US-Präsidenten) und auf den Beginn einer neuen Planbarkeit des Lebens. Chronische Unsicherheit ist für uns Menschen kaum auszuhalten, weiß die Sozialpsychologie. Besonders hätten wir mit ungewissen Zeitvorgaben zu kämpfen. „Die Dauer der Einschränkung ist für die meisten Menschen wichtiger als deren Intensität“, sagt der Sozialpsychologe Mario Gollwitzer. Das erklärt, warum mit zunehmender, vor allem aber ungewisser Dauer der Einschränkungen unsere Bereitschaft auf Verzicht sinkt. Anders als im Frühjahr werden wir mutloser und brauchen mehr Hoffnung. Besonders kritisch kann es werden, wenn unsere Erwartungen enttäuscht werden, warnen die Wissenschaftler. Deshalb tun sich Bund und Länder auch so schwer mit der Bekanntgabe noch schärferer Hygieneschutzmaßnahmen für den Weihnachtsmonat Dezember. Und was macht es erst mit uns, wenn es doch länger dauert mit dem Vakzin, der Schutz geringer ist als angenommen, sich ungeahnte Nebenwirkungen herausstellen oder – Albtraum: Trump weiter sein wirkmächtiges Unwesen treibt. In dem Fall haben wir in unserer Sehnsucht nach Normalität die guten Nachrichten überschätzt, so die Wissenschaftler. Bevor sich dann Hoffnungslosigkeit breit macht, helfe auch die Überlegung, „wie kann ich die Welt in meiner Umgebung besser machen“, sagt der Sozialpsychologe Dieter Frey.

 

Also: weiter in den Weltladen gehen; damit dazu beitragen, dass den vielen Menschen auf der Südhalbkugel der Erde, die ungleich schwerer von der Pandemie betroffen sind als wir, ein klein wenig durch den fairen Handel geholfen wird - und darauf hoffen, dass wir bald wieder einen Grund zum Anstoßen haben.

 

 

https://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-der-pandemie-quaelend-lange-vorfreude-1.5115076

 

Foto: Christina Ponto

 

 

 

 

 

 

 

  

 

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