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Rita H. Greve: Unwichtig?!

 

Sofern man kein Corona-Patient ist, scheint sich mir die Suche nach einem Arzttermin zu einer Sisyphosarbeit zu entwickeln. Gerade war ich wieder mit einer solchen Aufgabe konfrontiert :

Auf meine Anfrage nach einem Telefontermin bei meinem Arzt in einer hessischen Klinik wurde mir gesagt, dass  keine Telefontermine mehr vergeben werden. Man könne nur noch zur persönlichen Besprechung kommen.

 

Nach etwa sechs Wochen erhielt ich diesen Besprechungstermin. Dann kündigte sich der zweite Lockdown an. Da der Termin auf Ende Oktober fiel, wurde er kurzfristig wieder abgesagt. Die Klinik müsse ihre Türen für Besucher wieder geschlossen halten.

Als Ersatz bot man mir einen Telefontermin (jetzt also doch wieder) in der folgenden Woche an. Da ich sowieso einen Telefontermin favorisiert hatte, fand ich diese Entwicklung eigentlich sehr gut. Ich fieberte also diesem Termin entgegen, da ich mir endlich Antworten auf meine Fragen erhoffte. Zuvor hatte ich bereits einige Unterlagen, Laborwerte etc. sowie meine Fragestellung eingereicht. Zu diesem Arzt hatte ich Vertrauen. Dreimal war ich im Laufe der Zeit auf seiner Station in der Klinik. Und er war der erste, der mir eine wirksame Therapie verordnet hatte.

 

Der Tag kam, und ich begab mich ab 16 Uhr (zwischen 16 und 17 Uhr war das Gespräch vereinbart) in Wartestellung. Die Stunde verstrich, ohne dass der Anruf kam. Kann passieren, dachte ich. In einer Klinik kann immer mal etwas dazwischen kommen. Ich wartete noch eine Stunde, wurde aber doch langsam unruhig. Mittlerweile war es 18 Uhr geworden. Um mich abzulenken, ging ich an den PC, um meine Mails zu checken und traute meinen Augen nicht. Um 15.47 Uhr – mit dem Vermerk "hoch dringlich" versehen – hatte ich eine E-Mail aus dem Sekretariat des Arztes erhalten mit folgendem Wortlaut:

 

„Das wird heute leider nichts mit dem Telefonat. Ihre Ausführungen alleine sind sehr umfangreich, dafür hat der Chefarzt leider heute keine Zeit. Ich hoffe, Sie können es nachvollziehen, dass er derzeitig mit der aktuellen Situation mehr als beschäftigt ist. Ich hoffe, ich kann Ihnen in der Folge einen anderen Termin anbieten.“

 

Ich war fassungslos und auch wütend. Hätte mich die Sekretärin nicht einfach anrufen können? Es war ein Telefontermin, und sie wußte, dass ich telefonisch erreichbar war. Stattdessen habe ich zweieinhalb Stunden vergeblich gewartet, war ans Haus gefesselt. Wie gern hätte ich bei dem schönen Wetter, das an dem Tag herrschte, einen Spaziergang gemacht.

Vor allem aber war ich enttäuscht – enttäuscht darüber, dass ich wieder keine Antwort auf meine Fragen erhalten hatte, Fragen zur Medikation, zu einer Schmerzsymptomatik, die ich mir nicht erklären kann, die mir meine Hausärztin nicht erklären kann, da sie mit meiner Autoimmunerkrankung überfordert ist.

 

Natürlich ist mir bewusst, dass Ärzte wie Pflegepersonal in der jetzigen Situation unter großem Druck stehen und teilweise mit ihren Kräften am Limit sind. Ich habe volles Verständnis, wenn sich Termine verzögern. Wenigstens ein Telefongespräch sollte doch aber möglich sein. Denn auch ich bin Patientin und brauche Antworten auf meine Fragen, brauche Sicherheit, die mir eben nur dieser Arzt geben kann, weil er mein Krankheitsbild kennt und weil ich ihm vertraue.

 

Seit August warte ich nun bereits und habe bis heute keine Antworten, d.h. ich probiere so vor mich hin und muss irgendwie zurechtkommen. Sind denn jetzt nur noch Corona-Patienten wichtig? Das kann es doch auch nicht sein. Ich fühle mich nicht ernst genommen und mit meinen Sorgen allein gelassen -- wieder einmal.

 

 

Foto: Rita H. Greve

 

 

 

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