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Valentina Dietrich: Der Läufer

Foto: Valentina Dietrich
Foto: Valentina Dietrich

Dunkelheit. Der Rucksack zieht schwer an seinen Schultern. Die sonst so viel befahrene Straße bleibt kalt. Fahrbahnbeläge erwärmen sich nur, wenn mehr Autos fahren, doch das passiert im Lockdown eher selten. Die Straßenlaternen leuchten trotzdem. „Eigentlich eine riesige Stromverschwendung!“, denkt er sich, obwohl er dann im Dunkeln laufen müsste. So oder so scheint ihn die Schwärze der Nacht zu verfolgen. Kälte dringt durch seine Kleidung und schneidet sein Gesicht. Es ist, als würde die Nacht ihre Finger nach ihm ausstrecken. Er beginnt zügig zu gehen. Die kleinen Glasröhrchen in seinem Rucksack klimpern zwischen den unzähligen Testauswertungsbögen gegeneinander. Vielleicht läuft er nicht vor der Dunkelheit, sondern vor seiner Verantwortung weg. Vor den Hoffnungen, die die Menschen in seine Firma und sein Präparat stecken. Was, wenn er versagt? Hier draußen ist nicht nur die Nacht, sondern auch die Angst. Man kann sich vor der Nacht fürchten, weil sie dunkel ist oder weil sie die dunkelsten Gedanken zulässt. Er spürt sie hinter sich, die unsichtbare Gefahr, die die Welt in ihren Fängen hält. Sein Rucksack scheint immer schwerer zu werden und ihn am Laufen zu hindern. Er rennt los. Nach 10 Minuten kommt er an. Den Rucksack verscharrt er unter einer Tanne in seinem Vorgarten. Er will ihn die nächsten Tage nicht mehr sehen. Schnell zückt er seinen Schlüssel und schließt auf. Bevor die Kälte seine Ängste ins Haus schieben kann, macht er die Tür zu. Schweißgebadet lehnt er sich dagegen. Ab Montag wird er sich wieder ganz der Arbeit an dem Coronaimpfstoff widmen. Wochenende.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Małgorzata Hofmann (Montag, 16 November 2020 07:39)

    Ich weine jeden Nacht,
    in Stille,
    das ich meine Freunde
    zurück lassen werde...
    Es kommen bessere Zeiten,
    der Asfalt wir glühen!

    Gosia Kośla