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Sigrun Miller: Der traurige Sonntag

Arek Socha auf Pixabay
Arek Socha auf Pixabay

Am letzten Sonntag, der achte November, machte ich mir nachmittags um vier Uhr eine Tasse Kaffee, legte ein Stück Kuchen auf einen kleinen Teller und setzte mich in mein Wohnzimmer an den Esstisch, um den 56. Geburtstag meiner erstgeborenen Tochter zu feiern.

 

In den früheren Jahren lud ich an diesem besonderen Tag meine anderen Kinder oder Enkel, oder meine Schwester mit Familie, bzw. andere liebe Anverwandte ein. In den Corona-Zeiten gelten aber andere Feiertagsregeln.

 

So vertiefte ich mich alleine in diesen unvergesslichen Tag, als ein Auto meine große Tochter zwanzig Meter vor unserem Haus erfasste, durch die Luft schleuderte und dadurch ihr junges Leben zerstörte. Sie war erst sechseinhalb Jahre alt.

 

Meine Nachbarin rief durch das Treppenhaus nach mir. Ich lief zum Unfallort, kniete mich neben sie, legte ihr Köpfchen in meinen Schoß und sagte: „Alles wird bald wieder gut. Ich bleibe bei dir, bis du wieder gesund bist.“ Am dritten Tag wurden wir  benachrichtigt, dass der kleine Körper es nicht geschafft hatte.

 

Ein Jahr lang war ich ein anderer Mensch, in Gedanken weit weg, ohne Ziel und Freude am Leben, bis mir schließlich meine Mutter die Leviten las: „Du hast schließlich noch ein kleines Kind und einen Ehemann, um die du dich kümmern musst, und die um dich leiden. Also versuch, dich zusammenzureißen." Ich tat, wie mir geheißen, wurde allerdings sehr krank  –  und wieder gesund.

 

Wenn ich heute in der Stadt anlässlich eines Einkaufsspaziergangs eine Frau sehe, die ihr Alter haben könnte und auch ihren Typ ausstrahlt, packt es mich und ich denke: „So oder so ähnlich könnte sie heute aussehen … " Diese Gedanken begleiten mich schon ein Leben lang.

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