· 

Nina Elflein: Und dann noch Leipzig

Foto: Nina Elflein
Foto: Nina Elflein

Ich bin nicht ganz auf dem neusten Stand, aber „Querdenken711“ geht weiter und soweit ich das beobachte, geht diese Gruppierung zu weit. Ende August bin ich erschrocken, wie selbstverständlich Menschen zusammen mit Reichsflaggenträgern durch die Straßen laufen, obgleich sie (für) ihre Freiheit demonstrieren wollten. Berlin liegt Wochen zurück und seither waren AnhängerInnen der Gruppierung auch in Österreich. Auf der Kundgebung wurde tatsächlich eine Regenbogenfahne als Symbol von Kinderschändern deklariert und diese auf der Bühne zerrissen. Bei mir klingeln da die Alarmglocken und am Wochenende war dann noch Leipzig.

 

Ursprünglich hätte die Querdenken-Demonstration gar nicht in der Leipziger Innenstadt laufen dürfen. „Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte die Demonstration mit der erwarteten Anzahl an Teilnehmern als ‚unkalkulierbares Risiko‘ bezeichnet.“ Doch das Oberverwaltungsgericht Bautzen entschied anders. Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. betitelte die Pressemitteilung mit „Kein Ruf nach Frieden: Die Querdenken-Proteste am 07.11.2020 in Leipzig enden in Gewalt“.

 

Ich werde nicht so weit gehen und sagen, dass alle Menschen, die sich der Querdenken-Gruppierung anschließen, Nazis oder Antidemokraten sind. Das wäre schlichtweg eine Verallgemeinerung und das bringt mich nicht weiter. Mit einer Verallgemeinerung suhle ich mich lediglich in einem nicht mehr greifbaren Bild, angereichert von Wertungen und formuliere dann Sätze wie: „'Die' anderen da, die machen das falsch“, „'Die' sind schlecht“, „'Die' sind dumm“, „'Die' kapieren es einfach nicht.“

 

Wo bleibt da der Diskurs? Es wird keiner stattfinden. Mit der Verallgemeinerung geht ein "Entweder richtig oder falsch" einher und das ist meines Erachtens fatal, weil ich mich so schlichtweg im Rahmen von Ab-Wertungen bewege.

 

Du hast etwas gegen die Maßnahmen? Bitte, bring das zur Sprache! Auch gerne hier in der Kommentarfunktion. Ich habe auch große Lust, zu diskutieren. Ich störe mich zum Beispiel sehr daran, dass Menschen morgens in vollbesetzten Bussen und Bahnen zur Arbeit oder Schule fahren können, aber dann in ihrer freien Zeit auf soziale Kontakte verzichten sollen. Leben wir jetzt also doch, um zu arbeiten?

 

Ich habe auch sehr große Lust darüber zu diskutieren, inwieweit Care Arbeit bei wirtschaftlich politischen Entscheidungen berücksichtigt werden muss. Denn „[d]er pandemiebedingte Lockdown hat uns vor Augen geführt, dass vorübergehend praktisch alles geschlossen werden kann, nur nicht, was mit der unmittelbaren Sorge für das tägliche Leben zu tun hat“, schreibt Uta Meier-Gräwe. Ja. Verdammt. Ich habe große Lust auf faktenbasierte Diskussionen.

 

Ich will wirklich, dass sich unser gesellschaftliches Leben durch und in der Krise verändert. Und ich glaube, das ist möglich, wenn wir ins Gespräch gehen und ganz klar differenzieren, was sind Empfindungen, was sind Wertungen, was ist Angst? Bewegen wir uns noch im Rahmen von Fakten oder stellen wir uns gerade vor, was sein könnte, wenn?

 

Und was machen Verschwörungserzählungen eigentlich mit uns? Bitte. Bleibt im Gespräch. Doch bitte nicht Mit Nazis reden. Da werden sogenannte Meinungen nämlich ganz schnell justiziabel. Aber davon gerne ein anderes mal mehr. Jetzt genieße ich erst einmal die Ausblicke.

 

Schönen Montag Dir.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0