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Jule Heck: Hotspot Kassel

Foto: Jule Heck
Foto: Jule Heck

Am Dienstag dieser Woche musste ich zu mehreren Präsenzveranstaltungen nach Kassel reisen. Als Abgeordnete des Landeswohlfahrtsverbandes sollte ich an einer Arbeitskreis- und einer Ausschusssitzung sowie einer Fraktionssitzung und am Folgetag an einer Verbandsversammlung teilnehmen. In der jüngsten Vergangenheit haben mehrheitlich Sitzungen als Video- Telefonkonferenzen stattgefunden, was ich sehr begrüßt habe. Dieses Mal war das aber nicht möglich. Die persönliche Anwesenheit der Abgeordneten war erforderlich.


Irgendwie fand ich diese Präsenzveranstaltungen in einem Hotspotgebiet etwas anachronistisch. Ich überlegte lange hin und her, ob ich meine Teilnahme an den verschiedenen Sitzungen nicht absagen sollte, zumal am Montag die Stadt Kassel und der Landkreis Kassel in die Riege der Hotspot-Gebiete aufgenommen wurden. Schließlich überwand ich meine Zweifel und reiste pflichtbewusst nach Kassel.


Sonst bin ich immer, aus Umweltschutzgründen, mit dem Zug dorthin gereist. Dieses Mal bevorzugte ich mein Auto für die Anreise. In einem überfüllten Zug mit Maskenträgern oder u.U. Maskenverweigerern wollte ich nicht unterwegs sein. Die Autobahn war frei, wenig Verkehr und glücklicherweise waren an diesem Tag keine Umweltaktivisten, die sich von Autobahnbrücken abseilen oder sonst wie den Verkehr stören, unterwegs.


In Kassel angekommen, hatte ich vor der ersten Sitzung noch etwas Zeit und begab mich in die Stadt, weil ich etwas besorgen musste. Unterwegs hatte ich im Radio gehört, dass man in den Einkaufsstraßen und an zwei großen Plätzen Maske tragen müsse. Also wollte ich mich mit der Mund-Nasen-Bedeckung unters Volk mischen. Doch von Volk konnte keine Rede sein. Nur vereinzelt begegnete ich Menschen in den sonst so belebten Einkaufsstraßen. Die Geschäfte waren ebenso verwaist, wie die Cafés. Ich stellte fest, dass einige Geschäfte bereits leer standen und weitere ihre Schließung mit einem Sonderverkauf ankündigten.


Ich betrat den einen oder anderen Laden, da mich das Angebot reizte. Mangels weiterer Kunden eilte sogleich eine Verkäuferin mit Maske herbei, die mich freundlich grüßte und nach meinen Wünschen fragte. Ich erstand tatsächlich etwas, einfach, weil ich das Produkt brauchte und es nicht bei Amazon oder einem anderen Online-Handel bestellen wollte.


So zufrieden, begab ich mich ins Ständehaus, dem Hauptsitz des LWV Hessen. Die anstehende Sitzung war gut organisiert, Abstandhalten und Maske, Desinfektionsmittel am Eingang waren selbstverständlich. Kein Händeschütteln oder Umarmen mit den Kolleginnen und Kollegen, nur Zuwinken war angebracht. Ebenso verhielt es sich bei der zweiten Sitzung, die im größten Sitzungssaal des Hauses stattfand.


Nach der Sitzung begab ich mich in mein Hotelzimmer und verweilte dort bis zur nächsten Video- und Telefonkonferenz. Nach drei Sitzungen war ich einfach nur platt und hungrig. Mit zwei weiteren Kollegen trat ich den Weg zu einem anderthalb Kilometer entfernten Speiserestaurant an. Die Straßen waren zu dieser Zeit, es war bereits dunkel, leer.


In dem Restaurant waren nur wenige Plätze besetzt. Mit Maske begaben wir uns an einen Tisch in der hintersten Ecke. Die Bedienung war schnell und freundlich, das Essen gut. Eine dreiviertel Stunde später verließen wir das Restaurant bereits wieder. Auf dem Rückweg wurden wir von einem Herrn angesprochen, der sich als Mitarbeiter des Ordnungsamtes ausgab und uns freundlich aufforderte, unsere Masken zu tragen. Wir befanden uns gerade, natürlich in Unkenntnis, auf einem der Plätze, die als Hotspot ausgewiesen worden waren. Wir entschuldigten uns und schützten uns sofort mit der Maske. Da der Mann privat unterwegs war, verzichtete er darauf, uns mit einem Ordnungsgeld zu belegen und belehrte uns, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schütze. Sein Kollege, der in der Nähe unterwegs sei, um Maskenverweigerer aufzuspüren, würde uns nicht so einfach davonkommen lassen. Vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, ließen wir die Maske die ganze Zeit bis zum Hotel auf. Von wegen nach getaner Arbeit sich an der frischen Luft zu erholen. Aber was muss, das muss.


Die Hotelbar war zu und wir mussten uns sofort auf unser Zimmer begeben. Sonst hatten wir uns nach den Sitzungen im Kollegenkreis immer noch etwas zusammengesetzt und bei einem Bier oder Wein etwas ausgetauscht. Dieses Mal verbrachte ich den restlichen Abend mit einem Buch in meinem Hotelzimmer.


Zum Frühstück hatten wir uns zu einer bestimmten Zeit einzufinden, um Begegnungen mit anderen Gästen zu vermeiden. Aber auch hier war alles bestens organisiert, mit Flatterbändern waren die Wege vorgegeben und somit war jeglicher Kontakt mit anderen Gästen ausgeschlossen.


Dieses Mal fand die Verbandsversammlung nicht im Ständehaus statt, sondern in der benachbarten Stadthalle. Ich bestaunte zunächst das riesige Gebäude aus dem Jahr 1914 und war beeindruckt von dem monumental neoklassizistischen Portikus. Auf vorgezeichneten Wegen erreichte ich den riesigen Festsaal, in dem normalerweise Konzerte abgehalten werden und der Platz für fast 1900 Menschen bietet. Da nicht alle Abgeordneten erschienen waren, konnten die Anwesenden mit genügend Abstand Platz nehmen. Unsere Masken durften wir jedoch nicht abnehmen. Obwohl ich die Maßnahme nachvollziehen konnte, fand ich es trotzdem ziemlich anstrengend. Nach einer gefühlten Ewigkeit, es waren gerade mal drei Stunden, konnten wir den Saal verlassen.


Ich eilte nach draußen, riss mir die Maske ab und fuhr nach Hause. Unterwegs hörte ich, was unsere Kanzlerin gemeinsam mit den Ministern der Länder verfügt hatte. Schaurig, aber nachvollziehbar. Da kam mir der Songtext aus der kürzlich erschienen Serie „Berlin Babylon“ in den Sinn, der, wie ich finde, hervorragend zur jetzigen Zeit passt:

 

Zu Asche, zu Staub
Dem Licht geraubt
Doch nicht jetzt
Wunder warten bis zuletzt
Ozean der Zeit
Ewiges Gesetz…

Zu Asche, zu Staub
Zu Asche
Doch noch nicht jetzt


Zu Asche, zu Staub
Dem Licht geraubt
Doch noch nicht jetzt
Wunder warten
Doch noch nicht jetzt
Wunder warten bis zuletzt.

 

Es ist doch nur ein Traum
Das bloße Haschen nach dem Wind
Wer weiß es schon genau?
Die Uhr an deiner Wand
Sie ist gefüllt mit Sand
Leg deine Hand in meine
Und lass uns ewig sein
Du triffst nun deine Wahl
Und wirfst uns zwischen Glück und Qual
Doch kann ich dir verzeihen
Du bist dem Tod so nah
Und doch dein Blick so klar
Erkenn mich, ich bin bereit
Und such mir die Unsterblichkeit


Es ist doch nur ein Traum
Das bloße Haschen nach dem Wind
Wer weiß ...


 

 

 

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